Interview

Veljko Tatalovic

"Es geht darum glücklich zu leben und frei zu sein, indem man sich mit Dingen beschäftigt, die das ermöglichen."

Über Veljko Tatalovic

Veljko gründete 2014 die Kaffeerösterei Playground Coffee. Heute hat er neben zahlreichen hauseigenen Röstungen, zwei Läden in Hamburg, einen Onlineshop mit professionellem Kaffeezubehör, gibt Baristakurse und kommt mit immer neuen Ideen um die Ecke.

Web        www.playground-coffee.com

 

Interview vom 27. Februar 2017 in Hamburg inkl. Update Januar 2018

Wir treffen uns im Café in der Detlev-Bremer-Staße 21, das Zweite in Hamburg. Die Playground Coffee Läden und der eigens geröstete Kaffee sind nicht nur in Hamburg beliebt, sondern Playground Coffee hat sich zu einer kleinen aber feinen Kaffee-Marke etabliert. Wir sprechen mit dem Gründer Veljko.

Wer bist du und was machst du?

 

Ich bin Veljko Tatalovic, ich röste Kaffee, vertreibe Kaffee, betreibe Cafés und fotografiere (kurze Pause)...mache Hausmeister-Service, bin “Jurist”, Buchhalter, als Unternehmer macht man ja eigentlich alles.

 

Wie bist du dazu gekommen?
  

Ich habe lange als Fotograf gearbeitet, da arbeitet man wenn man Glück hat 5 Tage im Monat, den Rest macht man Akquise, freie Arbeit, kümmert sich ums Portfolio. Der Beruf hat sich aber in eine komische Richtung entwickelt, niedrige Preise, wenig kreativer Freiraum, vieles wird vorgegeben und man führt eigentlich nur noch aus.

Nach meiner Zeit als Fotograf habe ich verschiedene Pop-Up Projekte gemacht, hab zum Beispiel eine Bar im Schulterblatt gehabt, ein Eiscafé gemietet, das im Winter geschlossen hatte, etwas umgebaut zu einer Bar mit DJ und so. Ich war selbst auch DJ und Gastro-Szene hat mich schon immer interessiert.

 

Wir können gut mit Menschen, der Matze (Co-Gründer) und ich. Als Cafébesitzer haben wir schon so viel erlebt, fast wie Streetworker. Gerade bei unserem Projekt am Rathaus. Das war schon eine Herausforderung. Die evangelische Kirche hat uns gefragt, ob wir dort ein Café Kiosk aufmachen. In der Rathauspassage ist ein Projekt, von der Kirche, wo Langzeitarbeitlose die Chance bekommen, wieder in Arbeit zu kommen. Darunter viele hoffnungslose Pessimisten. Die kamen nur zu uns, um uns zu erzählen, dass es nicht laufen wird, was wir vorhaben. Totale Projektion.

 

Wenn man fragt, womit würdest du dich gerne selbstständig machen, dann sagen viele: Ein Café! Wie würdest du das einschätzen?

 

Ja. Das sagen mir auch viele. Ich sag dann immer: Ja, mach doch. Viele sehen nicht, was dahinter steckt. Sie glauben, ich kann dann den ganzen Tag im Café sitzen und plaudern, das ist doch total lustig und alle kommen zu mir. Natürlich ist das lustig und es macht auch großen Spaß, aber es ist auch fordernd. Ich bin abends oft kaputt, weil ich den ganzen Tag neben der Arbeit gesabbelt hab. Egal, was alles zu tun ist, du musst immer auch noch der Entertainer sein. Immer präsent sein, Leute unterhalten und wenn man davon leben muss, werden ganz andere Dinge wichtig, als gut unterhalten zu können. Kaum jemand weiß, dass man für eine günstige Kaffeemaschine mindestens 4.000 Euro bezahlen muss, dass 25.000-50.000 Euro an Startkapital nichts ist, wenn man ein Café eröffnen will.

 

Bei euch ist ja das Gesamtkonzept interessant. Ihr habt nicht nur Cafés, sondern eine Brand entwickelt. Erzähl uns mehr darüber.

 

Genau. Playground-Coffee ist mehr als ein Ort. Wir haben einen Online-Shop und Versand, 2 Läden in Hamburg, Vertrieb, Catering, machen Barista-Kurse, eine Rösterei und eigene Kaffeesorten. Vieles der praktischen Arbeit habe ich inzwischen abgegeben, damit ich nicht die Übersicht verliere.

 

Würdest du sagen, dass mehrere Standbeine das Geheimnis sind?

 

Ich glaube das Geheimnis ist, wie bei allen Sachen, es mit voller Kraft zu machen. Wenn ich etwas mache, dann will ich es richtig gut machen. Es soll etwas Besonderes sein. Wir wollen zum Beispiel jetzt auch Tee ins Programm nehmen. Also beschäftigen wir uns intensiv mit dem Produkt. Es muss dann richtig geiles Zeug sein und zu uns passen. Und wir experimentieren auch gerne. Wir heißen nicht ohne Grund “Playground Coffee”. Wir haben zum Beispiel mit einem befreundeten Bierbrauer, ein Kaffee-Bier gemacht.

 

„Als Unternehmer darf man nicht pennen und muss sich immer weiterentwickeln.“

 

Das gilt auch für das Design. Wir legen großen Wert auf Design und Weiterentwicklung. Es werden immer wieder neue Ernten eingekauft, neue Produkte entwickelt - es muss immer etwas passieren und sich entwickeln. Darum macht es mir auch so einen Spaß, weil man seine Leidenschaften so kreativ weiterentwickeln kann. Nur eine Person aus unserem Team war vorher Barista - alle anderen kommen aus anderen Bereichen. Aber wenn die Leidenschaft für Kaffee und Gastro da ist und wenn es menschlich passt, dann läuft der Laden auch.

 

 

Es gibt ja zwei Sorten von Menschen, die einen, die denken sie machen ein Café und es ist einfach, und die anderen, die denken, ich mache niemals ein Café, weil es so schwer ist. Was sind die größten Hürden?
 

Ich kann von mir nur sagen: Ich denke immer, alles ist möglich. Wenn du einen Wunsch hast, dann kann man es auch möglich machen. Ich habe 1000 Ideen und ich sehe Playground Coffee nicht nur als Kaffee, sondern als Marke, die man weiterspinnen kann. Gerade heutzutage kann man so viel machen, einfach umsetzen, sich in verschiedenen Bereichen austoben. Mit der Marke kann man spielen - dadurch dass Playground Coffee so frei ist. Theoretisch kann ich morgen ein Cold Brew in die Flasche bringen. Ich hab die Flasche, ich hab alles, was man braucht beisammen. Ich würde gerne auch Fahrradtrikots mit unserem Design machen für den Playground Cycle Club - wir haben einen Rennrad-Club bei dem inzwischen über 40 Jungs mitfahren. Die Hersteller dafür wären an Board, man kann so viele verschiedene lustige Spinnereien verfolgen. Das macht Spaß.

 

 

Wir kennen es von uns selbst, aber auch von den Menschen mit denen wir uns unterhalten: Es scheint eine kreative selbstständige Klasse zu einen, dass sie sagen, wir sind so frei und können in jede Richtung weiterdenken.
 

... die spannende Frage ist wohin es führen kann. Bis jetzt war es immer so, dass ich hin und her gesprungen bin und mich immer weiterentwickelt habe. Ich habe kein bestimmtes Ziel, sondern bin total frei in der Entwicklung. Es ergibt sich  - so war das auch mit den zwei Läden. Das war nicht geplant. Ich löse etwas auf und starte etwas neu.

 

 

Was ist dein Antrieb?

 

Die Firma ist ganz anders aufgebaut, als man es gewöhnlicherweise machen würde. Es gibt so einen Satz, den ich immer sage, der hört sich an, als würde ein Kind ihn sagen:

 

Allen soll es gut gehen. Mir soll es gut gehen und den Jungs soll es gut gehen. Wenn etwas nicht geht, mach ich lieber einen Laden zu, als uns rumzuquälen. Der Mensch steht an erster Stelle.

 

Es gibt auch kaum Hierarchie bei uns, jeder ist eigentlich auf gleicher Höhe. Die Verantwortung liegt natürlich bei der Geschäftsführung, aber jeder kann sich einbringen und sagen, was er gerne umsetzen möchte. Das macht die Leute meiner Erfahrung nach auch glücklich bei der Arbeit. Ich habe mal die Frage gestellt: Wollt ihr mehr Geld oder mehr Freizeit haben? Da haben alle gesagt, mehr Freizeit. Das will ich auch - mir geht es nicht ums Geld, sondern um Freiheit. Und bei den Jungs ist es auch so. Wir machen alle so viel Urlaub, wie wir wollen - so lange der Laden dabei läuft, und alle ihren Job lieben, ist alles gut. Es geht darum glücklich zu leben und frei zu sein, indem man sich mit Dingen beschäftigt, die das ermöglichen. Sozusagen. Das hört sich so esoterisch an, ist es aber gar nicht. Es geht.

 

Das geht natürlich nur, wenn alle das Gleiche gut finden und wenig Anleitung benötigen. In der klassischen Arbeitswelt läuft aber alles nach Hierarchie und Anleitung. Was sagst du dazu?

 

Für mich funktioniert dieses Modell nicht mehr. Ich lerne einen Beruf, den mach ich dann das ganze Leben und niemand ist glücklich? Es kommen ständig Leute zu mir, die eigentlich völlig überqualifiziert sind für Jobs im Café - Ingenieure zum Beispiel oder so. Der sucht aber sein Glück. Die Leute machen alle irgendetwas und wissen gar nicht wieso. In unserem Laden am Grindelberg, direkt an der Uni, spreche ich immer mit den Studis - die können nicht mal sagen, warum sie ein Fach studieren. Dann schwafeln sie irgendwelche Fachbegriffe und können nicht in einfachen Sätzen erklären, warum sie etwas studieren. Keiner weiß wohin, keiner weiß was er machen möchte und warum? Das ist doch seltsam.

 

 

War es für dich selbstverständlich es selbst anders zu machen? War es schwer auf einen ganz eigenen Weg zu kommen?

 

Ich komme aus einer Akademikerfamilie und bin der Einzige der nicht studiert hat. Meine Familie hatte aber immer Verständnis. Ich habe einfach nicht so ein großes Sicherheitsbedürfnis - viele meine Freunde, tun alles, um ein gewisses Sicherheitsgefühl zu erlangen. Das hab ich nicht. Ich hab gerne Verantwortung und der normale Weg war nie mein Ding. Ich habe auch eine Ausbildung abgebrochen, mir dann die Fotografie selbst beigebracht und hab eben meinen eigenen Weg gemacht. Ich bin immer Risiken eingegangen und hab versucht etwas auf die Beine zu stellen. Lieber frei als sicher. Ich versuche etwas aufzubauen, Arbeitsplätze zu schaffen - enttäuschend ist, dass bei Rückschlägen oder Misserfolgen meist niemand hinter dir steht. Dass eine Bank das nicht versteht ist klar...

 

Findest du, dass die Selbstständigkeit in Deutschland unnötig schwierig ist?

 

Viele wissen gar nicht, was alles möglich ist. Und es gibt zu wenig Vertrauen in die Menschen. Ich würde mich freuen, wenn mehr Vertrauen in Leute gesteckt würde, die etwas bewegen wollen und glaubhaft vermitteln können, dass sie Verantwortung übernehmen und etwas Cooles bauen. Niemand sagt, “Cool, was du gemacht hast - wir helfen dir”.

 

 

Du hast Angestellte und einen hohen Anspruch an einen kreativen “Wohlfühlarbeitsplatz”. Hast du eine Strategie um mit der Verantwortung umzugehen?

 

Natürlich habe ich auch meine Sorgen. Ob alles läuft, ob alles so weitergehen kann. Und wie es weitergehen kann. Aber ich habe gelernt, unnötiges Grübeln abzustellen. Auch jetzt zur Neueröffnung. Ob ein Laden läuft, zeigt sich wenn er eröffnet ist. Das kann man vorher nicht durchdenken. Ich frage mich immer: Was soll schon schlimmstenfalls passieren? Du bist gesund, du kommst nicht in den Knast oder sitzt nicht auf der Straße - was soll schon passieren? Wir sind offen für alle möglichen Richtungen und frei uns zu entwickeln.

 

Was bedeutet scheitern für dich?

 

Ich finds blöd. Ich möchte den Tag nicht erleben, an dem ich sagen muss, ich muss alles dicht machen. Aber ich habe so viele Ideen, ich denke, ich würde wieder etwas aufbauen. Aber ich denke, auch das Scheitern ist für irgendetwas gut. Es gibt so viele Unternehmer, die zunächst hundertmal gescheitert sind. Es gehört also gewissermaßen dazu.

 

 

Was ist Arbeit für dich?

 

Ich kenne es nicht zu sagen: Oh nööö, ich muss arbeiten. Ich habe keinen Montag oder Wochenende, ich liebe was ich tue. Bis auf die Buchhaltung. Ich wünsche mir, dass meine Jungs ihre Arbeit auch nicht als “Arbeit” abseits des Lebens verstehen. Es ist unheimlich schwierig Arbeit nicht vom Leben zu trennen und das gut zu finden. Aber Arbeit darf das Leben nicht beeinträchtigen, dann wird es einfacher. Dazu muss man sich aber unternehmerisch fühlen und arbeiten. Unternehmensführung ist mir total wichtig, ich versuche das neu zu denken. Vertrauen ist wichtig. Ich sehe meine Mitarbeiter nicht wie Angestellte und sie verhalten sich auch nicht so. Sie bringen Ideen ein, übernehmen Verantwortung dafür, dass ihr Bereich läuft.

 

Was ist Erfolg für dich?

 

Glück. Glücklich sein, ist Erfolg. Wenn ich bei Google “Playground Coffee” eingebe und die netten Bewertungen lese - das macht mich glücklich. Wenn die Leute eine gute Zeit hatten bei uns, den Kaffee lieben, sich wohlgefühlt haben.

"Erfolg ist für mich wenn ich machen kann, was ich gerne mache und es allen gut dabei geht :-)"

 

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Vielen Dank für das nette Interview und viel Erfolg weiterhin!

 

Besuche unbedingt Veljko bei Playground Coffee in Hamburg:

Detlev-Bremer-Strasse 21, 20359 Hamburg

Mo – Fr 09:00 – 18:00
Sa – So 10:00 – 18:00

Rathaus-Passage, Unter dem Rathausmarkt, 20095 Hamburg
Eingang beim Bucerius Kunst Forum

Mo – Fr 7:30 – 14:00

Oder online: www.playground-coffee.com