Interview Sophia Hoffmann

"Und jetzt habe ich das Gefühl, dass ich das hier mindestens die nächsten 10 Jahre machen könnte und es wäre nicht langweilig. Darüber bin ich so froh."

Über Sophia Hoffmann

Sophia ist Köchin, Foodbloggerin und freie Journalistin. Sie lebt in Berlin.

Web www.oh-sophia.net

 

Interview vom 03.12.2013 in Berlin-Neukölln
(aktualisiert im Januar 2014)

Ein abgebrochenes Studium, eine abgeschlossene Friseurlehre, viele Jahre als DJ und Sängerin in München, Wien und Berlin. Das ist die kurze Zusammenfassung. Heute ist Sophia Hoffmann Köchin, Foodbloggerin und Journalistin. Wir haben uns mit ihr über ihren Weg, die Kochleidenschaft und über die Wichtigkeit von Entscheidungen unterhalten.

Was wolltest Du als Kind werden?

 

Ich war als Kind ziemlich extrovertiert. Ich glaube, ich wollte schon Schauspielerin oder Sängerin oder so werden. Das hat sich in der Pubertät dann aber ein bisschen gemäßigt. So mit Anfang 20 wollte ich dann aber vielleicht wieder Rockstar werden. (lacht)

 

Und wie ist es dann nach all deinen Jobs zu deiner Selbstständigkeit gekommen?

 

Bis zu meinem 30. Geburtstag habe ich immer nebenher noch gearbeitet. Klar, gab es Zeiten, in denen ich viel aufgelegt habe und Veranstaltungen gemacht habe. Dann konnte ich aber auch nur fast davon leben. Das mit dem Schreiben hat dann so nebenher angefangen. Ich habe schon immer gerne und auch ganz gut geschrieben und bin da so reingerutscht. Das wurde einfach immer mehr und auf einmal war ich Journalistin. 2010 war ich dann schon in Berlin und habe hier nebenher noch im Bioladen gearbeitet und aufgelegt und ein bisschen geschrieben. Plötzlich ging alles ganz schnell. Meine Beziehung ging abrupt in die Brüche, der Job im Bioladen nervte schon eine ganze Weile und ich hatte das Gefühl, dass sich etwas ändern muss. Am selben Tag habe ich im Bioladen gekündigt und wollte probieren, ob das funktioniert, mich selbstständig zu machen.

Ich war mit der Situation vorher ziemlich unglücklich. Ich hatte immer das Gefühl, dass man mir meine Zeit wegnimmt, die ich eigentlich für etwas anderes nutzen will.

Ich wusste genau, was ich machen will, aber ich hatte keine Zeit dafür, weil ich Geld verdienen musste. Da habe ich gemerkt, dass ich das jetzt ändern muss, weil ich sonst ernsthaft depressiv werde. In der ersten Zeit habe ich dann ein bisschen Unterstützung von meinen Eltern bekommen, sie haben mir eine Weile die Miete bezahlt. Das war so eine Art Stipendium. (lacht) Das hat mir den Anfang ermöglicht. Ich verdiene immer noch relativ wenig und das geht wahrscheinlich mit den niedrigen Lebenshaltungskosten auch nur in Berlin, aber das war trotzdem die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.

 

Wie kamst Du denn zum Kochen?

 

Das war so ein halbes Jahr später. Eine Bekannte hat mir empfohlen einen Blog zu starten, weil ich immer so viel kreativen Output hatte und gar nicht wusste, wohin damit. Erst war ich unsicher, aber dann habe ich aber einfach damit angefangen. Am Anfang war es auch kein reiner Kochblog, da gab es auch Texte und Fotos und andere Sachen. Aber mit der Zeit hat sich das mit dem Kochen dann so rauskristallisiert. Allein schon dafür war der Blog eine tolle Idee. Ich habe auch ganz banal angefangen, indem ich Fotos von Essen auf Facebook gepostet habe. Dann haben immer mehr Leute nach Rezepten gefragt und so gab es die Überlegung ein Dinner zu machen. Und das hat so gut funktioniert. Also auch das Kochen für viele Leute und deshalb habe ich das immer wieder gemacht. So bin ich da reingerutscht. Im Sommer 2013 habe ich dann einen reinen Foodblog aus meinem Blog gemacht, das war eine super Entscheidung. Seit ich mich so konkret auf dieses Thema konzentriere, kriege ich noch viel mehr Feedback und Anfragen. Gerade im Moment, bin ich total froh damit.

Ich habe schon immer total gerne gekocht und gebacken, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, das zu meinem Beruf zu machen. Ich weiß auch nicht, warum. Die Musik hatte mich auch vorher so ein bisschen gefangen. Vielleicht werde ich auch irgendwann mal wieder singen, aber im Moment hat sich das erstmal erledigt und ich bin vor allem total übersättigt von diesem Nachtleben.

Und jetzt habe ich das Gefühl, dass ich das hier mindestens die nächsten 10 Jahre machen könnte und es wäre nicht langweilig. Darüber bin ich so froh.

 

Man hat ja oft das Gefühl, sich von etwas befreien zu müssen oder erstmal herausfinden zu müssen, was man alles machen kann und darf. Man muss eben nicht den einen Job haben oder 40 Stunden in der Woche arbeiten. Und es gibt vielleicht für manche Wege auch immer noch keine Vorbilder, an denen man sich orientieren kann.


Es gibt ja auch ein paar Herausforderungen. Was war für dich schwierig?

 

Solche Sachen wie Krankenkasse und so etwas. Das wird einem so schwer gemacht. Ich habe das Glück als Journalistin in der KSK zu sein, aber ohne wäre es super schwer. Einer Freundin von mir hat das quasi das Genick gebrochen, als sie sich selbstständig gemacht hat. Es ist schon klar, dass man als Selbstständiger mehr zahlen muss. Aber am Anfang ist die Diskrepanz zwischen dem was man verdient und den Mindestbeiträgen der Krankenkassen wirklich absurd. Es ist auch schwierig, irgendwelche Gründungszuschüsse zu bekommen, wenn man vorher nicht arbeitslos war. Also das System ist wirklich nicht darauf ausgerichtet, einen bei der Selbstständigkeit zu unterstützen, muss man echt sagen.

 

 

Es ist dann sehr schade, wenn Leute ganz früh aufgeben oder eben gar nicht anfangen.
Wie würdest Du denn Arbeit für dich definieren? Und wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

 

Das ist schwierig, wenn Arbeit nicht wie Arbeit aussieht. Zum Beispiel vor dem Laptop zu sitzen und E-Mails zu beantworten. Das macht man ja in einem Büro auch. Das ist aber Zuhause für mich ja auch permanente Kommunikationsarbeit und PR. Die Zeit, die ich in meinen Blog stecke und die Zeit, in der ich Texte schreibe. Bei mir sind die Übergänge einfach unglaublich fließend, gerade auch beim Kochen oder bei Dinner-Vorbereitungen. Ich brauche ja auch die Zeit, um Rezepte zu entwickeln oder Gerichte vorzubereiten. In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass man da auch extrem diszipliniert sein muss. Ich stehe um 8 Uhr morgens auf und fange an zu arbeiten. Das können viele Leute nicht, wenn sie Zuhause sind. Für mich funktioniert das gut. Aber für andere ist es vielleicht auch besser, wenn sie sich ein Coworking Space suchen oder einen Schreibtisch mieten. Für mich ist es Zuhause einfach besser, dann kann ich zwischendurch Rezepte fotografieren, weil ich da gleich meine Küche habe. Und jetzt im Winter hat man zum Beispiel nur wenige Stunden Tageslicht, um das Essen gut fotografieren zu können. Danach setze ich mich dann wieder an den Schreibtisch. Meine Arbeit besteht insgesamt aus so vielen unterschiedlichen Sachen.

 

Könntest Du Dir den vorstellen, auch festangestellt zu arbeiten? Vielleicht im gleichen Bereich... Und was sind für dich die Vorteile deiner Selbstständigkeit?

 

Also Vollzeit könnte ich mir nicht vorstellen. Ich habe Lust, das was ich momentan mache, noch auszubauen. Richtung andere Medien, Zeitschriften, Fernsehen und so. Es wäre mit einer Festanstellung schwierig, dann noch all meine Sachen weiterzumachen. Und man wäre dann in einer Abhängigkeit. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie sich das anfühlt, das hatte ich schon so lange nicht mehr. Wenn es wirklich das ist, was man machen will, ist es wahrscheinlich auch ok.

Ich glaube, das Wichtigste für mich ist, dass ich das machen kann, was ich machen will.

Bei Jobs, die ich früher gemacht habe, hatte ich immer das Gefühl, ich arbeite für jemand anderen und mache das nur, um Geld zu verdienen. Das hat mir die Zeit weggenommen, in der ich eigentlich lieber meine eigenen Sachen machen wollte. Eine meiner besten Freundinnen, mit der ich auch aufgelegt habe, hat im Januar die vegane Crêperie Let It Be hier in Neukölln eröffnet. Dort arbeite und koche ich ja auch tageweise und das ist total ok für mich, da ich in das Projekt involviert bin. Das empfinde ich dann auch nicht als Arbeit für Andere, da ich mich trotzdem dort mit meinem Kochen verwirklichen kann. Aber ich kenne das Gefühl gut, sich irgendwo rein gedrückt zu fühlen. Und ich kenne ganz viele Freunde, denen die Sicherheit viel, viel wichtiger ist. Die haben auch richtig Angst davor, mal arbeitslos zu sein.

 

 

Was glaubst Du, woher diese große Angst kommt?

 

Vielleicht ist es Erziehung, vielleicht ist da auch einfach jeder unterschiedlich. Ich habe insgesamt wenig Angst. Ich habe letztes Jahr auch einen Artikel zum Thema „Entscheidungen treffen“  geschrieben und das ist auch etwas, was ich oft nicht nachvollziehen kann, was aber ganz viele Leute betrifft. Egal ob es um den Job geht, eine Beziehung oder eine andere Lebenssituation. Ich will auch niemandem vorschreiben, was er zu machen hat, aber ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass es Leute bestärkt, wenn man ihnen Mut macht.

Man sollte seinen Job kündigen, wenn man jeden Tag jammert oder sogar dadurch krank ist.

Ich kann mir das auch nur schwer vorstellen, da mir das ganz fremd ist. Die meisten von uns haben ja ein gutes soziales Netz und die Gefahr sozial abzustürzen ist nicht wirklich da. Natürlich weiß ich auch, dass es für viele schwerer ist. Ich habe Freunde, die nicht von ihren Eltern unterstützt werden, weil keinen Kontakt zu ihnen haben oder die Eltern verstorben sind. Für mich ist das ein Luxus zu wissen, dass ich im Notfall bei meinen Eltern anklopfen kann.

 

Was würdest Du denn Freunden raten oder mit auf den Weg geben, wie sie das finden können, was sie machen wollen?

 

Das ist immer ganz individuell, glaube ich. Für mich hat erstmal nur das „Aussortierverfahren“ funktioniert, da ich mich für so viele Sachen interessiere. (lacht) Also ganz viele Sachen machen, um dann zu merken, was nicht funktioniert. Ich habe wahnsinnig viele unterschiedliche Jobs gemacht. Bei mir gab es auch Phasen, in denen ich überhaupt nicht gewusst habe, wie es weitergeht und was ich überhaupt will. Vor 5 Jahren, am Anfang in Berlin war das so. Aber diese Phasen gehen auch wieder vorbei, deswegen sollte man lernen, sich nicht zu große Sorgen zu machen. Man muss einfach etwas machen, auch während dieser Phasen. Statt sich tot zu stellen, sollte man lieber etwas in Angriff nehmen. Es ist total wichtig, sich kleine Ziele zu setzten, Etappenziele, die gut zu verwirklichen sind. Wenn man immer nur eine große Idee vor Augen hat und daran scheitert, hilft das auch nicht. Man sollte lieber nach vorne gucken. Ich liebe ja To-do-Listen, da kann man sich gut kleine Ziele abstecken und sie abarbeiten. Dadurch hat man auch Erfolgserlebnisse.

 

Was sind denn deine großen Ziele?

 

Ich habe schon Bock, mir im Kochbereich eine Karriere aufzubauen, ich würde das auch gerne im Fernsehen machen. Mein Ansporn ist, dass ich in Deutschland gerne etwas ändern würde. Momentan finde das Gebotene sehr langweilig, das machen fast nur Männer. Der Markt für Kochsendungen ist nach wie vor da. Aber momentan sind da eben nur Männer, die mit ihren Sternen wedeln und hässliche Bärte tragen. Das würde ich gerne anders machen. Ich würde gerne zeigen, dass es auch einen anderen, tierfreien Weg gibt. Mit Freundlichkeit und Offenheit und Toleranz. Das ist mein großes Ziel, ja.


Und kleine Ziele habe ich auch noch. Ich will vor allem noch wahnsinnig viel lernen und mich verbessern. Na und ein Kochbuch wäre auch echt geil.

 

Du hast gesagt, Du willst Dir eine Karriere aufbauen. Was bedeutet das für dich?

 

Karriere bedeutet, dass das Kochen für mich ein richtiger Beruf wird, von dem ich nachhaltig leben kann. Mir ist es überhaupt nicht wichtig, Millionen zu scheffeln.

Ich will davon gut leben können und sagen können, dass das mein Beruf ist. 

 

 

Danke für das nette Gespräch!