Interview

Ninia Binias

"Das muss sich ändern. Arbeit darf Spaß machen und ist dann trotzdem immer noch Arbeit."

 

 

Über Ninia Binias

Ninia Binias lebt und arbeitet in Hannover. Als "Ninia LaGrande" bloggt sie erfolgreich über alle Themen, die sie interessieren. Ninia tritt regelmäßig auf Poetry Slams in Deutschland und im Ausland auf und hat im August 2014 ihren ersten Erzählband "Und ganz, ganz viele Doofe!" veröffentlicht. Seit Mai 2015 moderiert Ninia außerdem ihre eigenen TV-Show.

Web        www.ninialagrande.de

 

Interview vom 17. Juni 2016 in Berlin.

Ninia Binias ist selbstständige Moderatorin, Autorin und Poetry Slammerin. Sie schreibt, diskutiert und fährt durch ganz Deutschland zu Slams und Auftritten. Als Ninia LaGrande bloggt sie unter anderem über das Leben, Feminismus, Kunst, Musik, Mode und Politik. Wir haben uns in Berlin getroffen und über Arbeit, Ängste und ihren Weg in die Selbstständigkeit gesprochen.

 

Wer bist du? Was machst du? Und wie war dein Weg dorthin?

 

Ninia: Ich Ich bin Ninia Binias, beziehungsweise Ninia LaGrande – das ist mein Künstlername, ich bin noch 32 Jahre (lacht) und lebe in Hannover. Ich bin selbstständige Moderatorin, Autorin, Poetry Slammerin, Bloggerin und moderiere hauptsächlich Konferenzen, Events und hatte letztes Jahr eine kleine Fernsehshow bei RTL: "Ninias Fashion Mag" und "Ninias Style der Woche". Damit waren wir auch für den goldenen Spatz nominiert, ein toller renommierter Kinderfernsehpreis. Als Poetry Slammerin bin ich super viel unterwegs und trete auf vielen Bühnen auf. Im Prinzip spielt sich mein halbes Leben im Zug ab. Ich fahre irgendwohin, bin dann da, trete kurz auf oder moderiere und fahre wieder zurück. Komplett von meiner Selbstständigkeit leben kann ich seit September 2015.
Ich habe etwas ganz Brotloses studiert: Germanistik und Kunstgeschichte, habe dann ein Volontariat gemacht und bin später zu einem Online Sprachlernportal gekommen. Da hatte ich mich als Redakteurin beworben und nachdem sie mich gegoogelt und meinen Blog und Twitter Account gefunden haben, wurde ich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, genau das beruflich zu machen. Das war gerade so die Zeit, als Social Media vor allem von Quereinsteigern gemacht wurde und ich war begeistert, dass man damit Geld verdienen kann. Wahnsinn. (lacht) So habe ich dann als Social Media Managerin angefangen und habe mir nach und nach alles selber beigebracht, was ich dafür können musste. Nebenher bin ich schon immer aufgetreten. Letztes Jahr wurde das dann alles ein bisschen zu viel und als die Zusage für die zweite Staffel meiner Sendung kam, habe ich mich dann getraut. Ich wollte das schon ganz lange machen und habe mich dann für den ganz vernünftigen Weg mit Gründerzuschuss und so entschieden. Seitdem läuft es gut, aber ich muss noch lernen Nein zu sagen.

 

Das klingt jetzt ein bisschen, als wäre das so „passiert“. Oder wolltest du insgeheim schon ganz lange selbstständig sein und hast darauf hingearbeitet?

 

Ninia: Über die Selbstständigkeit habe ich tatsächlich lange bewusst gar nicht nachgedacht, aber ich wollte schon immer auf der Bühne stehen und moderieren. Und auch wenn es etwas albern klingt, ich wollte schon immer so ein bisschen berühmt werden. Das fand ich ganz toll. Für mich war das aber sehr utopisch und ich wusste gar nicht, wie ich das werden soll. Es war dann eine Mischung aus viel harter Arbeit und Zufall. Bei einem Casting habe ich meine jetzige Künstleragentur kennengelernt und die haben mich unter Vertrag genommen. Das ist die halbe Miete, da man durch deren Kontakte, als Moderatorin weitervermittelt werden kann. So lief das. Das hatte aber auch immer viel mit mein Blog und meinen Twitter Account zu tun. Durch meine Körpergröße, die so ein starkes Wiedererkennungsmerkmal ist, habe ich mir eine Präsenz und eine Marke aufgebaut. Die Leute kennen mich und buchen mich für ihre Veranstaltungen.

Du bist ja ein Mensch, der sich viele Gedanken zu sehr vielen Themen macht. Wie definierst du denn Arbeit für dich? Und brauchen wir dafür eine neuen Begriff?

 

Ninia: Erstmal ist Arbeit für mich das, womit ich mein Leben bezahlen kann. Klingt ganz unromantisch, ist aber so.
Und ich habe das Glück, dass meine Arbeit für mich etwas ist, was mich erfüllt und mir einen Sinn gibt.
Das hat aber jemand, der jeden Tag 8 Stunden an der Kasse bei Penny sitzt, wahrscheinlich nicht. Der Grundsatz sollte sein, dass Arbeit das Leben bezahlt und wenn man dann noch das Glück hat, etwas zu machen, was einem Spaß macht und man währenddessen nicht denkt, dass das gerade Arbeit ist, dann ist es perfekt.
Vielleicht muss man auch unterscheiden und Begriffe wie Lohnarbeit benutzen. Poetry Slam war für mich am Anfang zum Beispiel nur ein Hobby, aber es gehört definitiv zu meiner Arbeit. Der Sinn von Arbeit ist ja, etwas zu erschaffen. Es ist auf jeden Fall eine schwierige und spannende Frage.
Ich tue mich immer etwas schwer, neue Begriffe für etwas zu finden, wofür es schon welche gibt. Das ist dann eher ein Ausweichen und kein Machen. Es ist ja eigentlich egal, wie ich es bezeichne.

 

Ja, das verstehe ich. Aber es gibt Begriffe, da ist das für mich nicht so einfach. Zum Beispiel hat Erfolg für mich quasi gar nichts mit Geld zu tun. Und auch Karriere verstehe ich anders als viele Menschen.
  

Ninia: Das stimmt. Dann würde ich aber nicht den Begriff abschaffen, sondern versuchen, ihn neu zu besetzen. Oder darüber zu diskutieren, was er für verschiedene Menschen und Gruppen bedeutet. Das ist sowieso auch ganz wichtig, vor allem in dem Bereich, über den wir gerade sprechen. Leuten muss bewusst werden, dass das Arbeit ist. Als Poetry Slammerin oder auch ganz allgemein als Kreativer ist das manchmal erklärungsbedürftig. Man bekommt Anfragen und Leute gehen davon aus, dass man das ja sowieso gerne macht. „Du schreibst doch eh den ganzen Tag Texte. Dann schreib doch einfach mal einen über Energiepolitik.“ Ja, und dann denkt man „Klar, das wollte ich schon immer mal machen. Da nehme ich auch kein Geld für. Auf die Anfrage habe ich gewartet.“  

Kreatives Schaffen und Kunst werden oft nicht als Arbeit angesehen. Weil es Spaß macht. Das muss sich ändern. Arbeit darf Spaß machen und ist dann trotzdem immer noch Arbeit. 

 

Du hast am "Manifest für ein neues Arbeiten" von Microsoft  mitgearbeitet. Es passiert ja momentan auch wahnsinnig viel. Was denkst du, was sich in unserer Arbeitswelt ändern muss? Oder was fehlt?

 

Ninia: Nur weil jemand lange am Schreibtisch sitzt, schafft er nicht viel. Dieser Gedanke muss abgeschafft werden. Das ist Quatsch. Daran wird man aber trotzdem gemessen. Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen die Teilzeit arbeiten, viel effektiver und motivierter sind. Zeitgebundes Arbeiten muss weg, es muss viel individueller gestaltet werden können. Unsere Arbeitswelt muss außerdem auch kinderfreundlicher werden. Es gibt interessante Ansätze, wie zum Beispiel aus Skandinavien, dass es eben einfach verschiedene Typen gibt, was das Aufstehen angeht.
Und gute Beispiele müssen vorgelebt werden. In Deutschland braucht man auf jeden Fall Vorbilder.

 

Du bist Fan vom Bedingungslosen Grundeinkommen. Das heißt, du gehst davon aus, dass viele Menschen selbstbestimmt arbeiten und leben wollen und können?

 

Ninia: Hm, also ich für mich, würde das Gleiche machen wie jetzt auch. Wahrscheinlich auch genau so viel, weil ich ohne das Alles gar nicht kann. Ich glaube aber auch, dass eine soziale und demokratische Gesellschaft aushalten können muss, wenn es dann Leute gibt, die das ausnutzen. Die gibt es ja jetzt auch schon. Für das gesamte Glücksempfinden wäre es aber super, glaube ich. Es gäbe bestimmt Menschen, die dann Teilzeit arbeiten würden und zum Beispiel noch ein Ehrenamt übernehmen würden, weil sie den finanziellen Druck nicht mehr hätten. Oder Schicksale, bei den Menschen Angehörige pflegen müssen und weder genug Zeit noch Geld dafür haben. Für solche Geschichten wäre das Grundeinkommen eine große Entlastung. Und ich denke, dass es auch allgemein eine größere gesellschaftliche Entlastung, als eine Belastung wäre. Man muss dann aushalten, dass manche Leute scheiße sind. Das gehört dazu. Für mich bleibt nur die Frage, was mit dem gesamten Niedriglohnsektor wäre. Vielleicht wären auch verschiedene Varianten des Grundeinkommens möglich. Die Idee finde ich aber sehr schön.

Wie war dein Weg in die Selbstständigkeit? Hattest du Angst? 

 

Ninia: Ich habe jeden Tag Angst. (lacht)

Wovor? 


Ninia: Ach, das war so eine irrationale Angst. Ich habe auch tatsächlich lange darüber nachgedacht und immer wieder darüber gesprochen. So dass mein Freund irgendwann gesagt hat, ich soll ihn jetzt mal in Ruhe lassen, ich mache das ja eh nicht. Und auch meine Vater, Beamter Zeit seines Leben, hat mich irgendwann gefragt, wann ich mich endlich selbstständig machen. Das war dann ein Arschtritt.
Dann habe ich gedacht, dass jetzt einfach der richtige Zeitpunkt ist. Wenn ich es jetzt nicht mache, ärgere ich mich später irgendwann.
Also habe ich die Chance genutzt und den medialen Schwung mitgenommen. Ich bin aber ein Sicherheitstyp und habe mir vorher einen Puffer angespart. Außerdem habe ich den Gründerzuschuss beantragt und viel Geld zur Seite gelegt. Ich habe vor Institutionen Angst, vor der Arbeitsagentur, dem Finanzamt und so. Tatsächlich musste ich jetzt auch ziemlich viele Steuern zahlen, aber ich hatte ja genug dafür zurückgelegt. Deswegen mache ich mir darüber so viele Gedanken, ich habe Angst, irgendetwas falsch zu machen. Es gibt aber kleine Mittel, wie man sich selbst absichern kann.
Es hat auch viel mit unserer Generation zu tun, denke ich. Meine Eltern hatten immer genug Geld, uns ging es immer gut. Wir hatten immer ein schönes Auto, eine Wohnung und jetzt ein Haus. Meine Eltern hatten beide vermeintlich vernünftige und sichere Berufe. Ein Privileg, was mir als Kind natürlich nicht bewusst war. Da gab es erst nicht so viel Verständnis für mich. Meine Eltern mussten sich zwingen, meinem Studium und meiner Berufswahl zuzustimmen, obwohl sie eigentlich immer sehr offen waren.
Das hat lange gedauert. Erst als Medienberichte kamen, war das für sie eine gewisse Sicherheit. Auch meine Oma antwortet auf die Frage, was ich mache: „Sie ist im Fernsehen.“ (lacht) Das ist eine Übertragung von der einen Generation auf die nächste. Da wird die Einstellung mitgegeben, dass Arbeit super wichtig ist, um zu überleben und sich bestimmte Statussymbole leisten zu können. Dabei sind die in unserer Generation gar nicht mehr so wichtig. Durch solche Sätze „Studier was Vernünftiges“ wird das aber von den Eltern auf die Kinder übertragen. Dadurch übernehmen viele die Angst und trauen sich nicht, sich wirklich auszuleben und auszuprobieren. Daher kommt auch die Angst vorm Scheitern, denke ich.


 

Da spielt ja auch die eigene Haltung eine große Rolle und wie man die Dinge betrachtet. In einem Angestelltenverhältnis ist es ja auch nur eine vermeintliche Sicherheit. Diese Unsicherheit gibt es überall, in der Selbstständigkeit ist sie vielleicht nur offensichtlicher oder fühlbarer. Dafür ist man aber auch selbst dafür verantwortlich und kann reagieren, wenn etwas falsch läuft.

 

Ninia: Ja, das ist ein gutes Beispiel. Diese Sicherheit gibt es natürlich nicht.  In einer unvorhersehbaren Situation, Erkrankung oder Kündigung aus betrieblichen Gründen ist egal, ob du einen unbefristeten Arbeitsvertrag hast. Und auch wenn man wirklich fällt, egal ob selbstständig oder nicht, kann einem ja nicht viel passieren. Im Zweifel gibt es das soziale System, das einen auffängt.
Meine Ängste kommen einfach manchmal.
Aber der Gedanke, dass ich meine eigene Chefin bin und genau das mache, wovon ich immer geträumt habe, ist so viel wert, dass mir das andere egal ist. 
Ich habe jetzt auch noch eine Firma mit fünf anderen Leuten gegründet. (lacht)


Hättest du dir eine Art Vorbereitung oder Hilfe bei der Gründung bzw. für die Selbstständigkeit gewünscht?


Ninia: Das hat total etwas mit Vorbildern zu tun, finde ich. Ich habe in Hannover für eine Beratungsstelle des Landes Niedersachsen eine Veranstaltung moderiert und diese Beratungsstelle unterstützt Frauen, die sich selbstständig machen wollen. Dadurch waren dort ganz viele Gründerinnen, die sich in allen möglichen Bereichen selbstständig gemacht haben. Vom Marketingbüro über Nagelstudios bis hin zu Strickkursen für Kinder. Da habe ich dann gedacht: alle die hier sind, haben sich getraut und haben das geschafft. Dann schaffe ich das vielleicht auch. Wenn ich eine solche Situation schon früher, in der Schule oder im Studium gehabt hätte, wäre das schon toll gewesen. Man braucht praktische Beispiele.

 

Empfindest du dich denn jetzt als erfolgreich mit deiner Selbstständigkeit? Und was bedeutet das für dich ganz persönlich?
 

Ninia: Ja, und das bedeutet für mich, dass ich von meiner Arbeit gut leben kann, ohne mir Sorgen machen zu müssen und ohne jeden Cent umdrehen zu müssen.


Noch mal zum Thema Angst: Du hast schon gesagt, dass du viele Ängste hast. Du hast dich aber trotzdem getraut und dich selbstständig gemacht. Das Thema Angst spielt für viele eine große Rolle. Wie gehst du damit um? Was hat dir konkret geholfen?
 

Ninia: Für mich waren es zum einen Vorbilder oder Leute, die es auch geschafft haben. Und zum Teil habe ich mich arroganterweise für ein bisschen klüger und organisierter gehalten. Also wusste ich, dass ich das auch schaffe. Zum anderen war es der Gedanke, dass es nicht schlimm ist, wenn ich scheitere. Dann mache ich einfach wieder etwas anderes oder schreibe wieder Bewerbungen. Ich habe ein sehr großes Vertrauen in das, was ich kann. Und selbst wenn ich mal eine Weile arbeitslos wäre, ist das für mich kein schlimmer Gedanken.
Diese beiden Sachen haben mir geholfen.

 

Hast du viele Menschen in deinem Umfeld, die unglücklich sind, mit dem, was sie machen?

 

Ninia: Nein. Ich habe eher Menschen um mich herum, die vielleicht mal unzufrieden sind, weil sie mit ihrer Kunst feststecken oder gerade nicht weiterkommen, die vielleicht ein Buch herausbringen wollen. Besonders in der Slammer-Szene. Aber ich hatte viele unglückliche Menschen um mich herum, als ich selbst noch angestellt war, vor allem in meinem Kollegenkreis. Da konnte ich oft nicht verstehen, dass jemand keine Konsequenzen daraus zieht, wenn der- oder diejenige die Situation so schlimm findet. Allerdings war meine Ausgangssituation auch sehr einfach. Ich bin nicht verheiratet, habe keine Wohnung gekauft, habe keine Kinder. Andere Menschen haben mehr Verpflichtungen. Es kommt auch noch dazu, dass es so eine Kultur des Jammerns gibt. Es ist ja nicht verpönt, dass man über seinen Job jammert. Im Gegenteil, die anderen steigen dann mit ein und regen sich auch über Kollegen oder Aufgaben auf. Wenn über einen bestimmt wird, finden es die Leute immer doof. Das fängt als Kind schon an und geht in der Schule und im Job weiter.
Es ist auf jeden Fall so, dass der Großteil der selbstständigen Menschen in meinem Umfeld glücklicher sind, als die, die festangestellt sind. 


Vielen Dank für das tolle Gespräch und weiterhin alles Gute!