Interview Linda Keitel

„An erster Stelle steht die Freiheit, die ich habe.“

Über Linda Keitel

Linda schmeisst die Rock'n'Roll Herberge in Berlin-Kreuzberg.

Rock'n'Roll Herberge
Muskauer Str. 11
10997 Berlin

Web www.rnrherberge.de

 

Interview vom 27. September 2013

Linda Keitel führt gemeinsam mit ihrer Partnerin Ela die Rock' n' Roll Herberge im Herzen Kreuzbergs. Ihr Konzept ist es, Musikern und Musikliebhabern einen Platz zu geben, an dem sie sich Zuhause fühlen. Ursprünglich hat Linda eine Fotografenausbildung gemacht und hätte nie gedacht, dass sie mal in der Gastronomie landet. Wir haben mit Linda über Arbeitsstrukturen, die Leitung einer Herberge und Freiheit gesprochen.

Was hast Du für eine Ausbildung? Und was machst Du heute?

 

Ich war vielleicht etwas länger auf der Suche als Andere. Nach der Schule habe ich viel gejobbt und auch mal nichts gemacht, bis ich mich dann dazu entschlossen habe, eine Ausbildung zur Fotografin zu machen. Die habe ich dann drei Jahre lang in Weinheim gemacht und als ich fertig war, war schon relativ schnell klar, dass mir der Job zwar Spaß macht, aber nicht meine Erfüllung ist. Meine Schwester hat damals schon in Berlin gewohnt und ich war sowieso relativ oft dort und dann bin ich auch nach Berlin gezogen. Ich hatte aber keinen richtigen Plan, was ich dann dort machen würde. In Weinheim hatte ich nebenher immer im Café Central gearbeitet und eine Kollegin von dort hat mir den Kontakt zu einem Freund von ihr hergestellt, der in Berlin gerade die Rock'n'Roll Herberge eröffnen wollte. Und da ich ja erstmal einen Job brauchte und ein bisschen Geld verdienen musste, habe ich dann in der Herberge nach einem Job gefragt und auch sofort einen bekommen. So kam es dann, dass ich am Eröffnungstag der Herberge dort an der Bar gearbeitet habe. Am Anfang war das noch alles ziemlich chaotisch, da noch gar nicht alles fertig war. Das war dann mein erster Tag in Kreuzberg hinter der Theke und ich hatte keine Ahnung, was auf mich zu kommt. Es war total voll und ich habe 12 oder 14 Stunden gearbeitet und danach wusste ich echt nicht, ob ich da noch weiter arbeite. (lacht) Aber ich brauchte ja Geld und bin deswegen dabei geblieben, obwohl ich mich am Anfang ziemlich verloren gefühlt habe, zwischen so Kreuzberger Kiezgrößen.

Und irgendwie hat das dann alles so seinen Lauf genommen.

Nach knapp 1 ½ Jahren hat Max, der die Herberge eröffnet hat, Ela (meine Partnerin) und mich gefragt, ob wir mit in die GbR einsteigen
wollen und die Herberge übernehmen wollen. Und da habe ich einfach Ja gesagt, ohne mit meinen Eltern oder Freunden darüber zu reden. (lacht) Ich dachte einfach, entweder mache ich das jetzt oder nie. Das war eine total gute Chance, da wir nichts zahlen mussten. Wir haben ein festes Gehalt bekommen und von dem Rest wurde Max in den ersten Jahren ausbezahlt. Dadurch haben wir in den ersten Jahren extrem wenig Geld verdient, aber das wussten wir ja vorher.

 

Und wann genau habt ihr die Herberge übernommen?

 

Anfang 2008 haben wir die Herberge zu viert gemacht. Max war noch als stiller Teilhaber dabei und Bruno hat am Anfang auch noch mitgemacht. Bei ihm war aber klar, dass er eigentlich was anderes machen will. Und wir haben von Anfang an gesagt, dass jeder das machen soll, was er will. Bruno hat dann irgendwann angefangen Fotografie zu studieren und Max ist irgendwann ganz ausgestiegen. Seit 2009 irgendwann machen Ela und ich das jetzt zu zweit.

 

Wie bezeichnest Du deinen Job, wenn dich jemand fragt? Und was sind deine Aufgaben?

 

Es gibt eigentlich keine wirkliche Bezeichnung für meinen Job. Ich sage immer, dass ich ein kleines Hotel oder eine Herberge habe. Und ich mache dort eigentlich alles. Ich kaufe ein, stehe hinter der Bar, bearbeite Buchungsanfragen und ich repariere Rolläden (lacht). Ich gehe zu Ämtern und mache eben alles, was so dazugehört.

 

Und ist das jetzt genau die Arbeit, die Du machen willst?

 

Ja, schon. Es gab zwei oder drei Jahre, wo ich unsicher war und dachte, dass ich aufhöre. Gerade am Anfang gab es eine Zeit, in der das Verhältnis von Arbeit und Freizeit und auch das Verhältnis von Arbeit und Geld überhaupt nicht gestimmt haben. Da gab es oft Wochen, in denen ich 7 Tage 16 Stunden am Tag gearbeitet habe und am Ende dasaß und mich gefragt habe, wofür ich das überhaupt mache. Wir mussten am Anfang einfach unheimlich viel reinstecken. Anfang 2010 oder 2011 dachte ich wirklich, ich höre auf. Ich war dann auch erstmal zwei Monate Zuhause, da mir das alles zu viel war. Es ist auch einfach eine große Verantwortung mit 14 Angestellten.

Aber dann hat sich auf einmal ganz viel verändert und alles lief total gut. Das kam ganz plötzlich. Nach vielen Rückschlägen und Hürden, war dann auf einmal alles gut.

Und ich wollte auch einfach nicht aufhören, weil dann ja alles umsonst gewesen wäre. All die Energie und Arbeit, die ich investiert habe. Und seitdem ist alles gut.

 

Was macht die Arbeit für dich aus? Was ist dir wichtig? Sind es die Aufgaben? Oder ist es die Freiheit dieser Selbstständigkeit?

 

An erster Stelle steht die Freiheit, die ich habe. Das ist mir ganz wichtig. Niemand sagt mir, wann ich wo sein muss und das ist wichtig für mich, da ich mich nicht so gut in so vorgegebene Strukturen integrieren kann. Natürlich mache ich auch alle Sachen, die nicht so toll sind, ganz klar. Aber ich mache es selbstbestimmt. Für mich gibt es nichts Schlimmeres als Sonntagabends zu denken, dass ich jetzt wieder von Montag bis Freitag irgendwo hin muss und da nicht weg kann. Ich möchte mich einfach frei entscheiden können. Das ist mir unglaublich wichtig, nicht nur wegen meiner Freizeit, sondern vor allem weil ich dieses Freiheitsgefühl brauche.

 

Hast Du denn so etwas wie eine typische Arbeitswoche?

 

Es gibt nicht wirklich eine typische Arbeitswoche. Am Anfang hatten wir das gar nicht, inzwischen habe ich für mich schon eine gewisse Regelmäßigkeit, die ich auch brauche. Meine Woche beginnt immer montags. Da haben wir mit allen Angestellten eine Besprechung, in der wir den Dienstplan für die kommende Woche festlegen und alles besprechen. Und da wird dann auch für mich die Woche geplant. Dienstag oder Mittwoch gehe ich dann meistens einkaufen, oft habe ich an einem Tag der Woche noch eine Schicht und ab und zu gibt es noch andere Termine. Im Großen und Ganzen kann ich meine Woche aber so einteilen, wie ich will. Dadurch habe ich überhaupt keinen Druck. Natürlich bespreche ich schon alles mit Ela, aber wir ergänzen uns da ganz gut. Ela und ich haben die gleiche Einstellung.

 

Was hat den Geld für einen Stellenwert? Oder wie wichtig ist Geld für dich, bei Entscheidungen?

 

Geld ist mir nicht so wichtig. Ich muss davon leben können, aber das reicht mir dann auch. Ich würde jetzt keine zweite Herberge eröffnen, nur damit wir mehr Geldverdienen. Man wird mit dem Job sowieso nicht reich. (lacht) Aber es gibt auch mal Wochen, da arbeite ich nur 10 Stunden. Und in welchem anderen Job geht das? Das man so wenig arbeitet und trotzdem davon leben kann.

 

Was ist denn Arbeit für dich? Wie würdest Du Arbeit definieren?

 

Arbeit macht mir Spaß. Bei meiner Fotografieausbildung war Arbeit auch sehr anstrengend für mich, aber das lag nicht an den Aufgaben, sondern an den Strukturen und Arbeitszeiten. Das hat mich dann gestresst. Ich arbeite aber grundsätzlich gerne.

Und ich glaube auch, dass ich gut in einer Arbeit bin, wenn ich sie gerne mache. Das mache ich dann nicht halbherzig.

Fandest Du es einfach selbstständig zu werden?

 

Nee, überhaupt nicht. Vielleicht kommt es auch auf den Bereich an, aber in der Gastronomie war es schwer. Man ist zwar auf dem Papier schnell selbstständig, aber das, was dann auf einen zukommt, ist nicht einfach. Es gab viele Hürden und die Ausführung der Selbstständigkeit war am Anfang wirklich schwieriger, als ich mir das vorgestellt hätte. Man muss unheimlich viel beachten und man braucht für jede Kleinigkeit eine Genehmigung.

 

 

Hattest Du am Anfang manchmal Angst? Oder hast Du heute Angst? Fehlt Dir Sicherheit?

 

Nee, hatte ich überhaupt nicht. Hatte ich noch nie.

Was meinst Du woher das kommt? Es gibt ja viele Leute, die sich Sorgen machen und eine gewisse Sicherheit brauchen.

 

Ich glaube das kommt aus mir. Ich habe so ein Urvertrauen. Es hat immer irgendwie geklappt und ich dachte immer, dass ich das schon hinkriege. Deswegen habe ich auch überhaupt keine Angst, etwas in den Sand zu setzen. So was kann immer passieren und in der Gastronomie kann es auch schnell gehen, dass man Schulden hat. Aber ich habe trotzdem keine Angst davor. Man weiß sowieso nicht, was kommt. Klar, man macht sich vielleicht manchmal Sorgen, aber dann eher um eine aktuelle Situation, aber nicht um die Zukunft. Vielleicht mache ich auch irgendwann mal was anderes. Und ich weiß auch, dass falls es mal ganz schlimm kommen sollte, wäre ich ja auch nicht verloren. Dann würde es eben anders weitergehen. Und ich habe ja auch gute Freunde und eine tolle Familie.

Solange es nur um Geld geht, kann man alles regeln. Dann hat man halt Schulden, aber man stirbt ja nicht davon.

 

Hast oder hattest Du denn auch andere Ideen? Gibt es einen Plan B?

 

Nee, gibt es nicht. (lacht) Ich interessiere mich zwar für viele Sachen, aber ich habe keinen Plan B. Deswegen wüsste ich auch nicht, was ich sonst machen würde.

Und hättest Du früher gedacht, dass Du mal in der Gastronomie landen würdest?

 

Nee, überhaupt nicht. Ich wusste gar nicht, was auf mich zukommt. Früher habe ich mal gedacht, vielleicht arbeite ich mit Kindern. Ich habe nämlich mal ein Praktikum im Kindergarten gemacht und mein Umfeld hat immer gesagt, dass ich so gut mit Kindern kann. Das Umfeld beeinflusst einen ja auch. Aber eigentlich wollte ich das nie.

Ich finde, es ist total wichtig, dass man einfach Sachen anfängt. Und dann kommt eins zum anderen und man findet seinen Weg. Aber man muss etwas machen. Man kann nicht nur dasitzen und auf das Richtige warten, so funktioniert das nicht.

 

Was würdest Du denn anderen Menschen mit auf den Weg geben, die sich gerade selbstständig machen wollen?

 

Man muss sich auf jeden Fall selbst vertrauen und darf nicht so viel in Frage stellen. Einfach machen. Und man braucht viel Kraft.

Es gibt immer mal Rückschläge und um dann weiter zu machen, muss man kämpfen. Dafür braucht man Kraft, damit man nicht gleich aufgibt. Und aus meinem Umfeld habe ich gelernt, dass es nicht immer gut ist, sich mit besten Freunden selbstständig zu machen. Ich kenne viele Beispiele, bei denen es nicht geklappt hat und wodurch die Freundschaften kaputt gegangen sind. Am besten sollte man es mit Personen machen, die man zwar kennt, mit denen man aber nicht soo gut befreundet ist. Das ist mein Rat. Ich bin immer sehr froh, dass ich es mit einem Menschen mache, den ich zwar sehr gerne mag, aber wo es nicht zu persönlich wird. Wir verstehen und gut, können uns aber auch mal ankacken. Dann ist auch alles wieder gut.

Trennst Du Arbeit und Privatleben?

 

Am Anfang habe ich das nicht gemacht und das war nicht so gut. Natürlich verschwimmt das immer ein bisschen. Man ist mit seinen Mitarbeitern befreundet und trifft sich auch privat. Aber als Chefin ist es wirklich schwierig, da die Balance zu finden. Vor allem weil Ela und ich ja anfangs auch ganz normale Angestellte waren. Und dann auf einmal waren wir für unsere alten Kollegen Vorgesetzte. Das ist manchmal schwierig. Man kann nicht nicht anecken. Und natürlich muss man manchmal Ansagen machen und dann ist man auch manchmal der Arsch. Es ist wirklich anstrengend und erfordert viel Kraft, wenn man eine Führungsposition hat und für viele Menschen verantwortlich ist. Mittlerweile sind wir aber ganz gut darin.

 

Hattest Du in deinem Leben immer das Gefühl, dass Du machen kannst, was Du willst?

 

Nein, hatte ich ehrlich gesagt nicht. Also so tief in mir drin eigentlich schon, aber ich habe mir oft von außen etwas auferlegen lassen. Wenn mein Umfeld gesagt hat „Mach doch mal das..“ und „Du musst..“ oder „Du bist doch so ein Typ..“, hat mich das schon beeinflusst. Ich war dann verunsichert und dachte manchmal, dass ich bestimmte Sachen machen muss, wie zum Beispiel von Montag bis Freitag arbeiten zu gehen. Es gab in meinem Umfeld auch viele Leute, die schon früh gute Jobs hatten und viel Geld verdient haben. Mittlerweile habe ich aber wieder das Gefühl, dass ich machen kann, was ich will. Ich mache es ja auch.

Man kommt manchmal gar nicht dazu, sich selbst zu hinterfragen oder sich zu fragen, was man wirklich will, weil man vorher von Anderen schon immer gesagt bekommt, wie man zu sein hat. Das macht das eben auch schwierig.

 

Danke für das nette Gespräch und viel Spaß und Erfolg beim managen deiner Herberge!