Interview Jan Kage

Ich kann und will mich nicht beschränken, mit den Sachen, die ich mache.

Über Jan Kage

Jan ist Musiker, Moderator, Journalist, Veranstalter, Galerist, Rapper und Künstler.

Schau Fenster - Raum für Kunst
Lobeckstr.30-35
10969 Berlin

Web www.party-arty.de

 

Interview vom 15. November 2013

Jan Kage hat nicht nur einen Job. Er ist Musiker, Moderator, Journalist, Veranstalter, Galerist, Rapper und Künstler. Was bedeutet das Thema Arbeit für einen Tausendsassa wie Jan? Das hat uns interessiert, also haben wir uns mit ihm zum Interview getroffen. In seinem Kunstraum „Schau Fenster“ in Berlin-Kreuzberg.

Was sagst Du, wenn dich jemand fragt, was Du beruflich machst?

 

Das ist eine sehr gute Frage, die ich nicht eindeutig beantworten kann. Weil ich so viele unterschiedliche Dinge mache. Am Ende des Tages, haben aber alle Sachen irgendwie mit Sprache oder Worten zu tun. Wobei, das kann man so auch nicht mehr sagen. Also, wir sitzen hier gerade im „Schau Fenster“, das ist mein Ausstellungs- und Kunstraum. Hier zeige ich inzwischen seit 3 Jahren jeden Monat eine Ausstellung von verschiedensten Künstlern. Oder ich lade unterschiedliche Leute ein, hier zu kuratieren. Das können Künstler oder Galeristen sein, ganz unterschiedliche Menschen.

Mich interessiert dabei vor allem die Haltung der Personen. Ich lade spannende Leute ein, die ihren Blick auf die Kunst zeigen.

 

Zum „Schau Fenster“ und zum Kunst zeigen bin ich durch die Party Arty gekommen, die ich seit 10 Jahren mache. Da habe ich von Anfang an alle Disziplinen zusammen gebracht: Musik, Spoken Word und Kunst. Spoken Word auch deswegen, weil ich selber Geschichten schreibe. Ich komme ursprünglich aus der Musik, war Rapper und bin das auch heute noch. Aber in den letzten Jahren nicht mehr so intensiv. Bei der "Party Arty – a night of vibes from different tribes" wird alles zusammengebracht: Techno, Rap, Bildende Künstler, Musiker.

Ich bin auch noch Journalist und schreibe über Sachen, die ich interessant finde. Das ist meistens Kunst oder Musik. Seit 4 Jahren moderiere ich auf Flux FM auch noch eine Radiosendung - Radio Arty. Das ist quasi Party Arty in den Äther geschickt. Da laden wir Künstler ein, mit denen ich mich über ihre Ausstellungen unterhalte, wir hören Musik aus allen Genres und es gibt einen Poetry Clip. Also auch alle Bausteine, die es auf jeder Party Arty gibt.

Ja, so bin ich zur Kunst gekommen und man lernt dann ja immer mehr dazu. Und wenn man sich entscheidet, etwas weiter zu machen, wird es dann eben ernster und ist nicht mehr nur so nebenher. So ist es auch mit der Party Arty. Wir fahren inzwischen in andere Städte, zeigen dort Kunst und machen Gastaustellungen, gehen auf Messen. Das ist vor allem in Berlin interessant. Denn hier ist jeder Künstler, aber kaum einer kauft Kunst. Wenn man dann damit in andere Städte geht, wird das ganz spannend.

 

Ist das alles einfach so passiert? Oder gab es die bewusste Entscheidung, dass Du dir aus all diesen Bausteinen einen Job baust?

 

Nee, das ist mehr so passiert.

Ich kann und will mich nicht beschränken, mit den Sachen, die ich mache.

Mir haben schon früher Leute gesagt "Ey, konzentrier dich nur auf die Musik, dann kommst du da weiter. "Konzentrier dich nur auf das Schreiben, dann kommst du da weiter." Aber das war nichts für mich, denn dann hätte ich ja mit den anderen geilen Sachen nichts mehr machen können. Insofern braucht man auf diesem Weg dann vielleicht einen längeren Atem, um damit irgendwo hinzukommen. Vielleicht aber auch nicht.

Ich konnte mich einfach nicht beschränken und ich sehe das auch nicht ein. Dadurch wird es eigentlich auch erst interessant, finde ich. Weil die Sachen sich alle gegenseitig bereichern. Leute, die ich auf Ausstellungen kennenlerne, inspirieren mich für meine Short Stories. Und ich interessiere mich ja auch für alle Sachen und es liegt mir. Ich mache das alles leidenschaftlich. Wenn das nicht so wäre, hätte ich auch etwas anderes machen können. Aber ich wollte mich nie auf irgendetwas alleine festlegen und mir dadurch die Vielzahl der ganzen anderen Sachen verbieten.

 

Da Du diese Sachen alle leidenschaftlich machst, hast Du sie für dich als Arbeit definiert? Oder machst Du das eben alles einfach und verdienst damit zufällig auch noch dein Geld?

 

Am Anfang habe ich damit ja überhaupt kein oder sehr wenig Geld verdient. Da habe ich noch ganz viele andere Sachen nebenher machen müssen. Es kommt also aus der Leidenschaft. Und ich habe das auch alles nie mit einem Masterplan verfolgt. So habe ich damit nicht angefangen.

Ich wollte am Anfang von Party Arty einfach nur eine Party machen, wo es einen Hip Hop- und einen Techno Floor gibt und wo sich Menschen begegnen, die sonst nicht auf die gleiche Party gehen würden. Es gab also dafür nie einen Masterplan, wohin sich das entwickelt. Das soll jetzt nicht nach Koketterie klingen, aber ich lehne das auch heute noch ab. Obwohl ich inzwischen davon lebe und es auch gut läuft, zum Glück. Es wird immer mehr, sowohl finanziell als auch von der Größe der Projekte. Mit dem Geld war es aber auch von Anfang an so, dass viel von dem verdienten Geld wieder in neue Projekte gesteckt wurde, nur um sie umsetzen zu können. Da ist also ganz viel Leidenschaft dabei. Zum Glück ist das inzwischen auf einem Level, das da auch ein bisschen Geld reinkommt, von dem man leben kann.

Es fällt mir aber schwer, das tatsächlich als Job zu definieren. Ich lebe einfach von dem, was ich mache.

Es ist Arbeit, aber ich weiß nicht, ob ich es als Job bezeichnen würde. Einen Job sehe ich immer als eine Anstellung, aber ich bin ja kein Angestellter.

 

Arbeit ist ja sowieso oft negativ besetzt.

 

Nee!! Da bin ich Marxist.

Der Mensch verwirklicht sich durch seine Arbeit.

Ja, das sehen wir auch so. Aber für viele Menschen ist es trotzdem oft negativ besetzt und immer mit "müssen" verbunden oder eben mit Geld. Das ist auch oft das, was Selbstständige als erstes gefragt werden. "Und wie kannst Du davon leben?"

 

Ja, das ist die Kleinbürgerfrage. Das sind ja auch oft angstbesetzte Leute. Das ist doch eine Scheißfrage. Ich stehe doch hier und bin aus Fleisch und Blut.

Es ist trotzdem erstaunlich, dass es von sehr unterschiedlichen Leuten aus ganz unterschiedlichen Bereichen gefragt wird. Manchmal selbst von Leuten, die eigentlich einen ähnlichen Background haben. Die Angst und dieses Sicherheitsdenken gehen eben doch sehr tief. Deswegen machen wir ja jetzt auch superwork, um uns mit Menschen über diese Themen zu unterhalten.

 

Ja, das bin ich auch schon gefragt worden, aber ich finde die Frage einfach blöd. Und die Leute, die mich so etwas fragen, finde ich dann auch gleich blöd. Was soll man darauf auch antworten? "Kannst Du damit leben, dass Du so blöde Fragen stellst?" Ich versuche aber ja trotzdem offen zu sein, jedem gegenüber. Aber solche Fragen machen einen dann schon ein bisschen ärgerlich.

Du hast ja studiert und ein Diplom gemacht. Hättest Du dir auch einen anderen Weg vorstellen können? Zum Beispiel in einer Festanstellung?

 

Ich war noch nie angestellt. "I'm a free man, I'm not a number." Um Iron Maiden hier mal zu zitieren. (lacht) Keine Ahnung. Ich glaube, ich hatte Angst davor, in so einer 9 to 5 Stelle zu versauern. Ich glaube, ich wäre da eingegangen wie eine Pflanze. Oder zumindest glaubte ich das, in der eingebildeten Arroganz meiner Postadoleszenz. Es war aber wahrscheinlich auch das richtige Gefühl. Dafür bin ich durch finanzielle Durststrecken gegangen, mache aber jetzt auch worauf ich 100% Bock habe. Meistens. Man muss natürlich trotzdem auch Buchhaltung und so einen langweiligen Kram machen. Ich bin aber nicht dafür gemacht, angestellt zu sein, glaube ich.

 

Wie siehst Du denn allgemein das Thema, dass man sich mit Arbeit selbst verwirklichen will und wie Arbeit und Glück zusammen gehören, in einer sich verändernden Arbeitswelt?

 

Also ich will ja auch jetzt nicht pubertär arrogant klingen. Ich glaube schon, dass man sich auch in einem Angestelltenverhältnis selbst verwirklichen kann. Es gibt ganz viele hervorragende Journalisten, die fest angestellt sind, zum Beispiel. Ich glaube, es gibt auch viele unakademische Berufe, bei denen man sich als Angestellter super einbringen kann. Es gibt fantastische Handwerker, die da einfach Spaß daran haben. Vom Messebauer bis zum Bäcker. Da möchte ich auch nicht falsch verstanden werden oder eine Überheblichkeit transportieren.

Sobald du was gefunden hast, was dir Spaß macht, dann kannst du dich darin auch verwirklichen.

Es gibt aber bestimmt auch Jobs, wo das sehr schwer ist.

 

Was hältst Du denn von der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens?

 

Das finde ich eigentlich gut.

Also gehst Du davon aus, dass jeder arbeiten will? Denn das wird ja oft als Gegenargument benutzt.

 

Nicht jeder. (lacht) Es gibt auch Menschen, die wollen gerne faul sein. Aber dann sollen sie eben faul sein. Sie sind auch so nicht produktiv, wenn es das Grundeinkommen nicht gibt. Aber eigentlich glaube ich, dass der Mensch etwas machen will. Du bist vielleicht 70 Jahre auf der Welt und 50 oder 60 Jahre davon kannst du wirklich etwas machen.

Der Mensch ist ja schon ein Wesen, das eine Sinnstiftung will. Und einen Sinn im Leben kann man eben durch seine Tätigkeiten oder nennen wir es Arbeit, herstellen.

Ich denke schon, dass Menschen nicht einfach vor sich hinvegetieren wollen, einkaufen, Fernsehen gucken und sterben. Das glaube ich nicht.

Wenn Du dich mit Künstlern und Musikern unterhältst, spielen in den Gesprächen Themen wie Geld, Arbeit und Sicherheit eine große Rolle?

 

In unseren Gesprächen spielt das nicht so eine große Rolle, nein. Außer, dass man von manchen Leuten hört "Ich bin gerade so abgebrannt." "Jetzt läuft es aber gerade gut" hört man dann von anderen. (lacht) Aber ich glaube, wenn du dich dazu entscheidest, als Künstler oder Musiker zu leben, dann nimmst du diese Risiken von vorneherein in Kauf. Und dann kennt auch jeder Durststrecken, das gehört dazu. Oft gehört auch dazu, dass man dann noch zusätzlich irgendwo am Tresen arbeitet, selbst wenn du schon ein paar erfolgreiche Jahre hattest. Da bricht dir ja kein Zacken aus der Krone. Ich glaube, wenn du einmal diese Entscheidung getroffen hast, bist du hinterher auch nicht der Typ, der dann jammert. Das akzeptiert man dann. Es sind Risiken, die eben dazugehören. Das gleiche gilt aber ja auch für Unternehmer oder Selbstständige im Allgemeinen. Es gibt ja auch kein Recht darauf, als Künstler von seiner Kunst leben zu können. Es gibt ja auch ganz fantastische Leute, die nicht davon leben. Die ganz fantastische Arbeiten machen, aber vielleicht ein bisschen zu schräg sind oder ihrer Zeit voraus. So ist das halt.


Am Ende des Tages muss das jeder für sich selber entscheiden. Wie wichtig einem das ist und ob man ein Risiko eingehen will. Man hat eben keine Garantie. Aber die hat man als Angestellter ja auch nicht, da kann man auch entlassen werden.

Ich glaube sowieso nicht, dass es diese großen Sicherheits-kategorien noch gibt. In den 70ern ist man vielleicht ein Angestelltenverhältnis eingegangen und war dann dort sein ganzes Leben. Aber das hat man heute ja sowieso nicht mehr. Insofern: Mach dich locker. Wichtig ist das man etwas macht, was einen zufrieden macht. Oder etwas, worin man einen Sinn sieht. Das Leben ist lang und wenn man in 20 Jahren merkt, man will etwas anderes machen, dann soll man doch einfach etwas anderes machen. In den USA kann man mit 40 Jahren noch mal studieren und etwas Neues machen und alle sagen "Great". Nur in Deutschland muss man dann damit leben. Das ist doch bekloppt.

Es ist auf jeden Fall erstaunlich, wie viele Dinge für dich ganz selbstverständlich sind, die für andere ein Riesenthema sind.

 

Ja, das ist mir klar. Wir leben hier in Kreuzberg auf einer Insel der Glückseligen. Wenn ich zum Beispiel in den Vorort gehe, wo ich herkomme, da sehe ich schon die Differenz. Aber ich wohne jetzt seit 16 Jahren hier und das ist meine Normalität inzwischen. Ich bin ja jetzt auch schon 40 und habe diese Entscheidung eben auch schon vor 15 Jahren getroffen.

Danke für das nette Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit all deinen Projekten.