Interview Femke Peter & Ben Bencivinni

 

"Ich kann mich nicht 49 Wochen im Jahr mit Dingen beschäftigen, die mich nicht erfüllen oder glücklich machen und nur für die Ferien und das Wochenende leben."

Über Femke Peter & Ben Bencivinni

Femke Peter ist die Geschäftsführerin von "Frida von Fuchs", einem Büro für Gestaltung und Öffentlichkeit, das freie Designer und andere Kreativschaffende mit Unternehmen zusammenbringt, Kommunikationskonzepte entwirft und Projekte koordiniert.

Ben Bencivinni ist dort Ideengeber und Berater.

Web        www.fridavonfuchs.de

 

Interview vom 12.04.2014 in Berlin. Überarbeitet im Dezember 2014

Femke Peter wurde in Hannover geboren und hat nach ihrem Studium in Paris und Berlin lange in einer bekannten Werbeagentur als PR-Managerin gearbeitet. Zuletzt leitete sie die Kommunikationsabteilung eines mittelständischen Unternehmens. Sie hat eigentlich immer sehr gerne in dem Bereich gearbeitet, doch der Traumjob wurde immer mehr zu dem gefürchteten Hamsterrad mit unflexiblen Arbeitszeiten und wenig Kontrolle über das eigene Leben. Und so entschloss sie sich, etwas Eigenes zu starten. Heute ist sie die Geschäftsführerin von "Frida von Fuchs", einem Büro für Gestaltung und Öffentlichkeit das freie Designer und andere Kreativschaffende mit Unternehmen zusammenbringt, Kommunikationskonzepte eintwirft und Projekte koordiniert. Ben Bencivinni ist dort Ideengeber und Berater.

Ursprünglich aus der Nähe von Saarbrücken, ist Ben eigentlich gelernter Werbekaufmann und Musiker. Durch Umwege ist er zur Selbstständigkeit gekommen und hat sich einen eigenen Beruf aus Kommunikationsprofi, Konzepter und Texter gebastelt. So lernte er auch Femke kennen. Seither arbeiten die beiden zusammen.

In unserer Erwerbsgesellschaft geht es hauptsächlich darum, seinen Platz in einer guten Anstellung zu finden. Was hat dazu geführt, dass ihr euch selbstständig gemacht habt? Wie war euer Weg?

 

Femke: Mein Vater ist Unternehmer und ich habe schon von klein auf gemerkt, was dazu gehört, eine Firma aufzubauen und zu leiten. Man hat als Kind immer gespürt, wenn mal schwierigere Zeiten herrschten, dann war er auch zuhause eher ruhig. Da hab ich öfter mal gedacht, das ist ein sehr krasser Job, diese ständige Anspannung, das wäre nichts für mich. Und deshalb habe ich mir auch erst einmal eine Anstellung gesucht.  

Ich glaube wenn es mir rein seelisch besser gegangen wäre, wäre ich auch in meinem alten Job geblieben, denn sich freiwillig aus einer Anstellung zu lösen, ruft ja bei vielen Menschen erst einmal heftiges Kopfschütteln hervor. Als ich mich selbstständig machte, haben wirklich alle zu mir gesagt: “Mensch, das ist aber mutig!” Ich denke aber, für mich war es nicht hauptsächlich mutig, sondern eher konsequent. Es war der logische nächste Schritt, für mich ging es nicht woanders hin, hätte ich nur die Firma oder die Art der Tätigkeit gewechselt, wäre ich früher oder später an den selben Punkt gekommen.

Ich habe einfach meine Gefühle und seelische Verfassung ernst genommen und brauchte Veränderung. Heute bin ich viel freier und glücklicher.

Ben: Ich war viel zu lange angestellt! Für mich war die Selbstständigkeit aber früher nie eine Option. Niemals! Das lag aber ganz einfach daran, dass ich aus einem Elternhaus stamme, in dem dieses Sicherheitsbedürfnis extrem groß ist. Und wenn du das so gelernt hast, dann suchst du etwas, das konstant ist. Eine Konstante im Leben, und zwar in Form der Gehaltsabrechnung am Ende des Monats. Die gibt dir eine Form der Sicherheit.

Wie wichtig einem Sicherheit tatsächlich ist, merkt man aber häufig erst, wenn man mal anzweifelt, was man da eigentlich den ganzen Tag tut. Ich habe in sehr vielen Bereichen gearbeitet, habe mit vielen verschiedenen Branchen gearbeitet, im kaufmännischen Bereich, in der Musikszene, im Fernsehen, aber auch in der Industrie im Vier-Schichten-System als Staplerfahrer - einfach um Geld zu verdienen. Als ich da mal auf den Stapler saß dachte ich so bei mir: Nun mache ich es genauso wie mein Vater. Der hat aber immer gesagt: Du sollst es mal besser haben. Was läuft hier eigentlich falsch? Heißt besser anders? Oder heißt besser mehr? Für mich heißt besser, anders. In dem letzten Unternehmen, in dem ich gearbeitet habe, hatte ich einen Chef, bei dem ich leider feststellen musste: Der kann’s nicht. Ich mache seine Arbeit doppelt so gut. Und ihm ist es natürlich auch aufgefallen. Also: Kündigung. Meine Konsequenz daraus war, wenn ich nun weiß, dass ich etwas besser kann als andere, dann muss ich es auch machen. Dinge anders machen und Dinge besser machen.

Das Bedürfnis nach Sicherheit ist ein ganz normales und niemand möchte in Unsicherheit leben. In welcher Weise gibt eure Selbständigkeit euch Sicherheiten?

 

Femke: Ich glaube die Sicherheit liegt darin, dass man sein ganzes Rüstzeug schon dabei hat. Man lernt, man kann es aus eigener Kraft genauso gut schaffen. Mir gibt es Sicherheit, dass ich weiß, wie ich arbeiten muss. Ich weiß, dass ich meine Arbeit gut kann, dass ich alles, was ich dazu brauche, in meinen eigenen Kopf habe und auch immer Neues lernen kann. Niemand außer mir ist für meinen Erfolg oder Misserfolg verantwortlich. Man hat alle Entscheidungsfreiheiten, kann alles selbst steuern und sich zum Beispiel fragen ‚Nehme ich diesen Auftrag an oder möchte ich für einen Monat mal kürzer treten’. Das ich selbst entscheiden kann, ist meine Sicherheit.

Ben: Das Interessante ist ja, wenn man sich das Konzept “Sicherheit” mal überlegt und sich fragt, was man eigentlich wirklich braucht. Dann wird man schnell merken, dass man eigentlich alles schon hat. Man lernt über die Zeit, dass man sich aus eigener Kraft überlegen kann, wie man die eigene Leistung zu Geld und damit finanzieller Unabhängigkeit machen kann. Und das macht sicher. Überall und an jedem Ort. Außerdem bekommt der Sicherheitsaspekt auch eine andere Dimension, wenn man genau weiß, dass man auch immer noch in herkömmlichen Jobs Geld verdienen kann, die immer auch ermöglichen, dass man seiner Wunscharbeit nachgeht.

Wenn ich wüßte, das mir die Arbeit, die mir am Herzen liegt kein Geld bringt, würde ich sie trotzdem machen und mein Geld eben woanders verdienen. Es würde mich nicht aufhalten, einfach weil es mir zu wichtig ist. 

 

Wie wichtig sind Euch Geld, Freiheit und Selbstbestimmung? Denkt ihr viel darüber nach? 
  

Femke: Meine Themen sind ganz sicher Freiheit und Selbstbestimmung. Fragen wie: ‚Wie kann ich mir mein Leben so einrichten, dass es schön ist, dass es mich glücklich macht?’ beschäftigen mich. Auch wenn es kitschig klingt, es ist doch das einzige was wir haben. Ich kann mich nicht 49 Wochen im Jahr mit Dingen beschäftigen, die mich nicht erfüllen oder glücklich machen und nur für die Ferien und das Wochenende leben.

Die Freiheit zu haben, über mein (Arbeits-)leben selbst zu bestimmen ist wunderbar.

Ben: Früher habe ich mehr über Geld nachgedacht als heute, was ziemlich paradox ist. Die ganzen Jobs vorher habe ich primär aus monetärem Interesse gemacht, weil ich dachte, dass es von mir als integrem Mitglied der Gesellschaft erwartet würde. Dabei ist das gar nicht so. Richtig finanziell wohlhabend war ich eh nie, aber es hat mir auch nie an etwas gefehlt. Ich bin sogar eher reicher geworden, weil meine Arbeit einen echten Mehrwert für mich und andere hat. Dass ich damit Geld generiere, was ich zum Leben brauche, ist ein Grund mehr, nicht damit aufzuhören, aber es ist nicht der Hauptgrund. Denn Geld ist zwar notwendig, aber nicht wichtig. Selbstbestimmung und Freiheit sind beides: wichtig und notwendig.

 

Wie sieht  ein normaler Arbeitsalltag bei Euch aus?

 

Femke: Eigentlich ganz klassisch. Ein geordneter Tagesablauf ist für mich schon wichtig. Wir haben unser Büro ganz konventionell und arbeiten zu den Kernarbeitszeiten am Schreibtisch. Manchmal zusammen, manchmal ist Ben auch nicht vor Ort. Wir sind ja auch für Kunden erreichbar. Der Unterschied ist, dass wir frei entscheiden können, was grade Priorität hat. 

Ben: Ich pendele zwischen dem Saarland und Berlin und arbeite daher total flexibel von unterwegs und überall. Ich bin ja auch noch Freiberufler, auch wenn meine Arbeit einen großen Teil bei Frida und Fuchs ausmacht, habe ich auch noch andere Projekte. Die Erreichbarkeit für unsere Kunden ist eigentlich das Wichtigste, dafür muss ich aber nicht immer an meinem Schreibtisch in Berlin sitzen. Das Schöne ist, dass wir uns bis spät in die Nacht über unsere Arbeit austauschen können, weil sie uns so begeistert und gleichzeitig am nächsten Tag entscheiden können, erst um 11Uhr anzufangen und erstmal schön frühstücken zu gehen. 

 

Wie könnt ihr freien Kreativen, Unternehmern oder Anderen mit eurer Arbeit helfen?  

 

Femke: Wir haben ein Netzwerk an Kreativen mit eigenen Schwerpunkten und arbeiten zusammen mit Auftraggebern, die kreative Lösungen suchen. Frida kümmert sich um Konzeption, Koordination und Finanzplanung und vermittelt Gestaltungsleistungen sowie die Umsetzung von PR- und Werbemaßnahmen. Der Gedanke für die Kreativen dabei ist, dass sie sich ganz ihrer tatsächlichen Designarbeit widmen können und wir den kommunikativen und administrativen Teil mit den Kunden übernehmen. 

Wir glauben an ein großes Potenzial unter den Freiberuflern. Die Idee ist, möglichst viele gute Leute zusammenzubringen, Menschen die ganz anders denken und Dinge anders machen und den Input vielfältig verfügbar und nutzbar zu machen, damit jeder profitiert. 

Der erste Gedanke dabei war, dass in klassischen Agenturen der Ablauf immer gleich ist. Es kommt ein Kunde, dann wird “gebrainstormed”. Dann geht es eigentlich immer in die gleiche Richtung, es gibt vielleicht ein Event, Flyer etc. Bei uns ist es so, dass wir ganz frisch an jedes Projekt gehen können, mit ganz verschiedenen Köpfen und Händen. Wir schauen uns erstmal an, ob die Gesamtkonzeption stimmig ist und suchen gemeinsam nach Lösungen. Dazu haben wir eben einen Pool an Kreativen, mit ganz verschiedenen Kompetenzen mit denen wir zusammenarbeiten.

Ben: Agenturen bieten eine gleichbleibende Qualität - gleichbleibend ist okay, aber es wird nicht besser. Wir wollen Dinge anders und besser machen. Und dazu arbeiten wir mit Leuten, die ihre Arbeit mit Herzblut machen. Die frei sind im Kopf und lieben, was sie tun. Das ist der Schlüssel. Und diese Leute machen die beste Arbeit, einfach weil sie dafür brennen. Wir sind mit Frida von Fuchs die Anlaufstelle für all die Leute, die nicht einfach eine neue Website brauchen oder eine Marketingkampagne, sondern eine individuelle Lösung, die vielleicht eine neue Website beinhaltet, aber im Wesentlichen ein Gesamtkonzept, dass von den besten Kreativen umgesetzt und gestaltet wird. So tut und bekommt jeder das, was er am besten kann und möchte.

Als Kreativer bekommt man wirklich nur Jobs, von denen man selbst sagen kann, Ja, da habe ich richtig Bock drauf. Das Interesse an dem Produkt muss da sein. Und wenn das da ist, dann gehen alle leidenschaftlich an die Arbeit.

 

Wie wichtig ist es für Euch, Eure Leidenschaft zu leben? Findet ihr es schon normal, oder ist es doch noch ein eher exotischer Lebensstil?

 

Femke: Ich denke es gibt vielfältige Möglichkeiten, selbstbestimmt zu leben und zu arbeiten.

Ich finde es aber auch bemerkenswert, wie viele sich doch jeden Tag disziplinieren und ins Büro gehen, um ihre Arbeit einfach zu erledigen. Ich könnte mir diesen klassischen Alltag nicht mehr vorstellen. Ich kenne auch kaum noch Leute, die es so machen. Ich glaube, es wird immer wichtiger, flexibel zu sein - auch als Arbeitgeber. 

Ben: Letzlich ist es eine ganz individuelle Entscheidung. Wenn man sich dazu entscheidet, kann man eben an vielen Dingen arbeiten, die das Leben auch bereichern. Genauso kann man sagen, ich mach das außerhalb meines Jobs. Es hat eben viel damit zu tun, was man von seiner Arbeit erwartet. Wir stellen fest, dass besonders Kreative mehr von ihrer Arbeit wollen und einfach viel mehr gestalten wollen, als einen vorgeschriebenen Weg zu gehen.

 

Habt ihr das Gefühl das freie Arbeitsmodelle nur im kreativen Bereich möglich sind? 

 

Femke: Ich glaube, es ist vor allem eine Typfrage. Wenn man lieber fest angestellt und von 9-17 Uhr seiner Routine nachgehen will, dann ist das ja auch völlig okay. 

Ben: Es ist aber so, dass es in jedem Bereich und eben nicht nur in der kreativen Branche möglich ist. Es hat letztlich damit zu tun, wer entscheidet, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Die Arbeitswelt macht uns zu Arbeitnehmern, geparkt auf einen Bereich und man findet sich damit ab, dass man ab dem Zeitpunkt, wo jemand das für mich, oder möglicherweise auch ich selbst, entschieden hat: Ich bin jetzt XY und das ist mein Zuständigkeitsbereich. So sind die Strukturen. Man lernt in der Ausbildung etwas, dass dann an irgendeinem Punkt in der konventionellen Arbeitswelt irgendwo genauso angebracht werden soll.

Wenn wir alle mehr das machen würden, was wir von alleine, aus Interesse und einer Leidenschaft heraus machen, hätten wir eine ganz andere Arbeitswelt. Aber diese Entscheidung betrifft jeden und nicht nur vermeintlich Kreative.

 

 

Was ist Arbeit für Euch? Ihr vermittelt ja Arbeit, aber was bedeutet sie Euch?

 

Ben: Ich bin Musiker. Viele Musiker empfinden ihre Arbeit nicht als Arbeit, sondern eher das was drumherum passiert, sobald man Geld damit verdient: Interviews geben, Termine wahrnehmen und all das, was abseits der Musik passiert. Und so ist es für mich auch. Arbeit ist all das, was mir nicht so viel Spaß macht. Daher arbeite ich auch sehr wenig (lacht). Auf der anderen Seite ist Arbeit auch etwas, dass deiner Leidenschaft etwas Professionelles gibt. “Profession”. Sobald man damit Geld verdient, wird es auch ernst genommen. Aber wenn du Bock auf etwas hast, ist es keine Arbeit.

Femke: Ich sehe es etwas anders. Für mich ist Arbeit überhaupt nicht negativ besetzt. Ich bin trotz meiner freien Arbeit, ein absolut strukturierter Mensch und liebe es auch Strukturen zu machen, zu planen, Listen zu schreiben und abzuarbeiten.

Für mich ist meine Arbeit eine Profession, Beruf und Leidenschaft, der ich absolut gerne nachgehe und deshalb auch der Grund, sich morgens zu freuen aufzustehen. 

 

Was inspiriert euch?

 

Ben: Ich mag Kalendersprüche (lacht). Man muss offen sein für alles, was man sieht oder hört. Dann kann der Zauber der Inspiration greifen! Es ist alles schon gesagt und niemand erfindet das Rad neu, aber das ist auch nicht nötig. Ein guter Spruch zur rechten Zeit hat die Kraft das Leben zu verändern - wenn du es willst!

Femke: Inspiration findet man schnell, auch wenn man nicht sucht. Und dieses ‚inspiriert sein’ ist ja an sich schon etwas Wunderbares. Es muss nicht sofort in ‚produktiv sein’ umgewandelt werden. Das gilt vor allem bei Gestaltung und Design, für jeden ist etwas anderes dabei. Es ist nicht irgendeine ausgedachte Hipster-Sache nur für Kreative. Jeder kann Spaß und Nutzen an gutem Design haben und es gibt unendlich viele Möglichkeiten zur Gestaltung und Anwendung von Kreativität.

 

Danke! <3