Interview Franziska Schmid

„Ich will mich nicht einschränken, in dem ich sage: Das hat noch keiner geschafft. Dadurch lasse ich mich nicht abhalten, im Gegenteil.“

Über Franziska Schmid

Franziska Schmid ist Online-Publizistin, freie Journalistin und Autorin. Sie lebt in Berlin.

Web        www.veggie-love.de

 

Interview vom 27.01.2014 in Berlin.

Franziska Schmid ist Online-Publizistin, freie Journalistin und Autorin. Vom Bodensee aus ging es für sie über die amerikanischen Ostküste, Hamburg, Stuttgart und München bis nach Berlin. Von dort aus betreibt sie ihren veganen Lifestyle-Blog Veggie Love  und arbeitet Teilzeit für eine Tierrechtsorganisation als Social Media Managerin. Im Januar 2014 ist außerdem ihr erstes Buch „7 Tage grün – Grüne Smoothies & Rohkost “ erschienen. Wir haben mit ihr über Lebenswege, Arbeit und ihr Pläne gesprochen.

Wie war denn dein Start ins Berufsleben?

 

Ich habe Betriebswirtschaftslehre studiert, aber mir war klar, dass ich nie in einem typischen BWL-Beruf arbeiten möchte. Im Studium gab es zwei Pflichtpraktika: eins habe ich im Event-Management gemacht und das zweite in einer PR-Agentur. Meine Diplomarbeit habe ich auch fernab von BWL geschrieben und zwar im Bereich Zukunft- und Trendforschung. Dort gab es aber nach meinem Studienende gerade sehr wenig bis keine Jobs und so habe ich überlegt, was ich machen will und was mir Spaß macht.

Ich habe mich an mein PR-Praktikum erinnert, was mir damals extrem viel Spaß gemacht hatte. Aber ich wusste auch damals schon, dass das eine Branche ist, in der der Verschleiß von Mitarbeitern sehr hoch ist. Allein während meines sechsmonatigen Praktikums sind drei meiner festangestellten Kolleginnen berufsbedingt schwer krank geworden. Nachdem ich mich für eine Branche entschieden hatte, habe ich überlegt, in welcher Stadt ich gerne wohnen würde und meine Wahl fiel auf München.

Danach ging alles ganz schnell und ich habe als PR-Volontärin in einer kleinen Agentur angefangen. Dort bin ich extrem enthusiastisch und extrem ehrgeizig in den Beruf eingestiegen. Ich habe alles gegeben und bin damit voll auf die Verschleißschiene aufgesprungen. Für ein großes Projekt wurde ein freier Mitarbeiter ins Boot geholt – die Zusammenarbeit war so gut, dass er mich in seine neue Agentur mitgenommen hat, die er kurz danach gegründet hat. Und auch dort waren wir sehr wenig Leute und hatten sehr viele Kunden. In der ersten Agentur hatte ich schon viel gearbeitet und auch oft am Wochenende, aber in der zweiten waren es dann auch gerne mal zwölf Stunden plus noch ein paar am Wochenende. Das war am Anfang noch aufregend, aber irgendwann war es einfach nur noch frustrierend.

Ich selber bin dabei völlig auf der Strecke geblieben. Urlaub zu bekommen, war immer ein Kampf: einer Kollegin wurde sogar der bereits genehmigte Urlaub für den 80. Geburtstag ihrer Oma kurzfristig wieder gestrichen. Alles völlig absurd und es kam der Punkt, an dem ich nicht länger so ein Arbeitsleben wollte. In der Zeit habe ich angefangen zu überlegen, wer ich wirklich bin und was ich möchte. Meine Familie ist sehr umweltbewusst und ökoorientiert und ich bin am Bodensee mit viel Natur aufgewachsen. Und ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich mich für etwas einsetzen möchte, wusste aber nicht genau wofür und vor allem nicht wie. In dieser krassen Agenturzeit habe ich also angefangen, viel zu recherchieren und alles über Öko-Mode, Naturkosmetik und nachhaltigen Konsum zu verschlingen. Ich habe alles aufgesaugt und bin in München zu vielen Veranstaltungen rund um Nachhaltigkeit  gegangen – damals begann gerade der Begriff LOHAS – Lifestyle of Health and Sustainability bekannt zu werden. Ich habe gemerkt, dass ich beruflich in diese Richtung gehen möchte.

Bevor es aber wirklich soweit war, hat mich noch eine Headhunterin für eine große und internationale Agentur abgeworben. Auch wenn ich wusste, dass ich dort nur für eine begrenzte Zeit bleiben möchte, bin ich sehr froh um diese Erfahrung, die immer noch bestehenden Freundschaften aus dieser Zeit und die Dinge, die ich dort über PR-Arbeit gelernt habe.

 

Und wie bist Du dann zu deinem Blog und deiner Selbstständigkeit gekommen?

 

Veganismus und Nachhaltigkeit wurden in dieser Zeit die wichtigsten Themen für mich und ich hatte in der neuen Agentur auch mehr Zeit, mich damit zu beschäftigen. Es war klar, dass sie auch Teil meines Berufsleben werden sollen und ich mich nicht in meiner Freizeit mit dem beschäftigen will, was mir am Herzen liegt. Aber ich fand es damals schwer, mir vorzustellen, wie ich das unter einen Hut bringen soll. Wie soll ich aus Freizeit Beruf machen?

Mein damaliger Freund kommt aus einer Unternehmerfamilie und hat mich auf eine Existenzgründermesse mitgenommen – damals dachte ich sogar kurz daran, eine vegane Cupcake-Bäckerei aufzumachen. Dabei habe ich bis zum heutigen Tag noch nie einen Cupcake selbst gebacken. Nach dieser ersten Veranstaltung bin ich in München zu immer mehr Events rund um Selbständigkeit gegangen und als ich dann meinen Job gekündigt habe, war ich in der Gründerszene und auch im nachhaltigen Bereich schon sehr gut vernetzt. Viele Kollegen fanden das unglaublich mutig und auch absurd, einfach zu gehen, ohne genau zu wissen, wie es weiter geht. Und bei vielen habe ich gemerkt, dass sie das auch gerne tun würden, sich aber nicht trauen und dann vielleicht lieber unglücklich in ihrem Job sind.

Da ist mir noch mal bewusst geworden, dass ich einfach nicht in beruflichen oder überhaupt in Lebenssituationen verharren will, die mich unglücklich machen.

 

In meinen letzten Arbeitsmonaten in der Agentur rückte immer mehr die Kommunikation im Social Web in den Vordergrund oder vielmehr die Frage, wie man als Unternehmen Social-Media-Kanäle nutzen kann. Mich interessierte das brennend und ich nach dem Ende meines Festangestelltendaseins habe ich viel in meine Weiterbildung investiert, Unmengen von Büchern und Blogs gelesen und Workshops besucht. Ich hatte auf der einen Seite Nachhaltigkeit und Veganismus und auf der anderen Seite Kommunikation und Social Media – daraus wurde mein Businessplan: Kommunikationsberatung für das Social Web und nur für Kunden, die vegane und nachhaltige Produkte anbieten. Auch mein Blog und Schreiben kam in meinem Businessplan vor.

Als ich Veganerin wurde, fehlte mir ein Blog wie meiner. Zum einen gab es damals kaum oder nur ganz wenig Verbindung zwischen Veganismus und Nachhaltigkeit und zum anderen wollte ich zeigen, dass ich auch als Veganerin weiterhin meiner Vorliebe für schöne Cafés, gutes Essen, Kosmetik und Mode nachkommen kann. Ich hatte schon immer davon geträumt, für Zeitschriften und Magazine zu schreiben – mit dem Blog habe ich mir einfach mein eigenes Magazin geschaffen.

 

Dann passierten mehrere Dinge: in der Gründerszene in München lernte ich die Markenberaterin Maren Martschenko kennen, mit der ich viel zusammen arbeitete. Wir haben gemeinsam Kunden beraten und viele Vorträge über Marketing und Kommunikation im Social Web gehalten. Und mein Blog wurde bekannter und ich fing an, auch für andere Online-Magazine und Zeitschriften zu schreiben.

Und eines Tages habe ich eine Entscheidung getroffen, die mein Berufsleben noch mal sehr verändert hat. Ich bin von München nach Berlin gezogen und habe mir dabei überraschend wenig Gedanken über mein Berufsleben gemacht. In München hatte ich ein großes Netzwerk und als vegane Bloggerin, was damals beides sehr außergewöhnlich war, eine gewisse Bekanntheit. Ich war zwar in Berlin und im Epizentrum des Veganismus, hatte aber keine Kooperationspartnerin mehr, nur ein kleines Netzwerk und von den hohen Münchner Stundensätzen konnte ich hier nur träumen. Schnell habe ich aber auch hier viele neue Kontakte geknüpft und bin erst mal in die typische Berlin-Falle getappt: Projekte (lacht). Davon hatte ich etwa 2.317, habe extrem viel gearbeitet und extrem wenig Geld verdient. Die Zeit war hart, aber sehr lehrreich.

 

Dann hat sich auf einmal eine Tür aufgetan. In beruflichen Dingen scheine ich oft sehr viel Glück zu haben (lacht). Ich habe eine Stellenanzeige entdeckt: eine Teilzeitstelle als Social Media Managerin in einer Tierrechtsorganisation. Ich habe das gelesen und ich wusste, wenn ich das möchte, kann ich das machen. Ganz ohne Arroganz, aber irgendwie wusste ich, dass das klappt. Und es hat geklappt. (lacht).

Für die Probezeit bin ich nach Stuttgart gezogen. Aus der Distanz habe ich Berlin wieder aus einer anderen Perspektive gesehen und die Nähe zu meiner Familie am Bodensee war sehr schön. Nach sechs Monaten bin ich zurück nach Berlin und habe dort nun ein anderes Berufsleben als nach dem ersten Umzug hierher. So eine Selbständigkeit wie damals – Projekte und kein Geld – kann ich mir nicht mehr vorstellen. Da ich nun eine feste Stelle und Selbständigkeit gleichzeitig habe, ist meine große Herausforderung, eine gute Work-Work-Balance zu haben. Das gelingt mir mal besser und mal schlechter.

Obwohl ich mich bei der Tierrechtsorganisation das große Privileg habe, sinnvolle Arbeit zu tun, fehlt mir oft meine berufliche Freiheit. Als letztes Jahr die Anfrage für das Buch kam, habe ich mich natürlich sehr gefreut. Aber es hat mich auch an meine Grenzen gebracht, alles zeitlich miteinander zu vereinbaren. Momentan bin ich an dem Punkt, dass mein Leben nicht nur aus Arbeit bestehen soll und ich mich gerne mehr meinem Blog und dem Schreiben widmen möchte.

 

 

Wie hast Du denn damals Arbeit definiert und wie machst Du es heute? Falls es sich verändert hat.

 

Also zu den harten Agenturzeiten hatte ich das Gefühl, ich gehe montags ins Büro und gebe meine Persönlichkeit mit an der Garderobe ab und kann sie am Freitag wieder einsammeln.

Mein Arbeitsleben war damals komplett abgekoppelt von Freude, Erfüllung und Sinn. Und ich finde, Arbeit muss Spaß machen.

Natürlich ist auch nicht jede Tätigkeit in der Selbstständigkeit super spaßig, Buchhaltung ist nach wie vor nichts, was ich wahnsinnig toll finde. Aber ich bin damals mit Magenschmerzen in die Agentur gegangen und wusste nicht, wie ich den Tag überstehen soll und das ist das Gegenteil von Spaß.

Und jetzt ist Arbeit für mich immer mit Sinn verbunden, weil ich für Dinge arbeite, die mir am Herzen liegen.

Egal ob ich selbstständig arbeite oder in der Tierrechtsorganisation. In der Organisation ist die Arbeit auch noch mit einem tollen Team und Menschen, die ich sehr mag, verbunden. Das Arbeitsleben hat sich für mich total verändert. Ich bin mir sehr bewusst, dass das ein großer Luxus ist – das zeigt mir schon ein Blick in mein Umfeld, in der Arbeit leider oft mit dem Sehnen nach Feierabend und dem Hinleben auf das Wochenende verbunden ist.

 

Du hast gesagt, dass viele Kollegen ganz geschockt waren, dass Du einfach deinen Job gekündigt hast. Und es gibt viele Menschen, die eben dann lieber unglücklich in ihrem Job bleiben, als etwas zu ändern. Kannst Du das verstehen? Und hattest Du Angst vor dieser Entscheidung?

 

Also ich hatte damals null Ängste, wirklich nicht. Irgendwie wusste ich immer, dass sich schon alles finden wird. Meiner Erfahrung nach harren viele Menschen lieber in bekannten Situationen aus, in denen sie unglücklich sind, als sich in unbekannte Situationen zu begeben, in denen man nicht weiß, was passiert. Unglück ist im Zweifel ein Zustand, bei dem man weiß, was man hat. Und ich bin immer wieder erstaunt, wenn Menschen sich nichts zutrauen. Ich habe schon oft gehört, dass manche nicht wissen, was sie beruflich denn sonst machen sollen.

Ich verstehe nicht, wie man sein Berufsleben, das so einen großen Teil des Lebens einnimmt, so verbringen kann, dass man sich selbst so sehr beschränkt. Es gibt so viele Möglichkeiten.

Man kann mit einem Coach sprechen, zu Workshops gehen oder auf einem anderen Weg herausfinden, was die eigene Berufung ist. Ich glaube nicht daran, dass manche Leute eine Berufung haben und andere nicht. Ich glaube, jeder hat eine. Manche Menschen verdrängen ihre nur erfolgreich ihr Leben lang.

 

 

Was rätst Du denn zum Beispiel einem Freund, der in einer solchen Situation ist?

 

Einfach ausprobieren, einfach machen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das am Anfang schwer ist, aber wenn man erst mal anfängt, auf das eigene Bauchgefühl zu hören, weiß man, was für einen richtig und was falsch ist. Das bedarf einer gewissen Übung, da viele das verlernt haben. Aber was soll passieren? Es kann nicht viel passieren. Scheitern ist etwas, das einem hierzulande manchmal nachgetragen werden kann, aber davon darf man sich nicht verunsichern lassen.

Das Wichtigste ist, dass man sich auf sich selber konzentriert und nicht so sehr schaut, wie die anderen das machen.

Der Vergleich mit anderen ist nicht immer gut. Natürlich soll man sich inspirieren lassen und auch schauen, was man lernen kann, aber man darf sich nicht zu sehr vergleichen und davon frustrieren lassen. Das Leben dauert nicht ewig und man sollte es sich schön machen.

 

 

Du hast Sicherheit und Geld schon mehrmals angesprochen. Wie wichtig ist Dir Geld? Und hast Du ein großes Sicherheitsbedürfnis?

 

Nein, überhaupt nicht. Als ich damals auf dem Weg in die Selbstständigkeit war, bin ich zu einem Coach gegangen. Dort habe ich einen Test gemacht, der die eigenen Werte im Leben identifiziert. Kurz gesagt: Wofür steht man morgens auf? Mein Ergebnis: Freiheit. Ich mag Geld, keine Frage, und ich gebe sehr gerne Geld aus. (lacht) Aber ich gebe gerne Geld aus, um mich weiterzubilden und ich investiere gerne in mein Business. Die gängigen Statussymbole interessieren mich nicht, dafür umso mehr Freiheit im beruflichen Tun und Denken. Und Geld ermöglicht eben auch diese berufliche Freiheit.

Ich will mich nicht einschränken, in dem ich sage „Das hat noch keiner geschafft“. Dadurch lasse ich mich nicht abhalten, im Gegenteil. (lacht)

Du hast vorhin gesagt, dass du in Berlin nicht mehr nur selbstständig sein wollen würdest. Also so, wie deine Situation am Anfang war. Wo siehst Du in Berlin die Probleme?

 

Mir fehlt hier oft die Wertschätzung für den Preis von Dingen und Dienstleistungen. Hier soll oft alles möglichst billig sein und wenig kosten. Ich erinnere mich noch an meinen Schockzustand als ich erfahren habe, was hier der gängige Stundensatz für Kommunikationsberatung im Vergleich zu München ist. Viele Projekte, Kreativität und Entfaltungsmöglichkeiten – das bietet Berlin. Ein Wirtschaftsstandort ist es aber nicht. Hier ist Kreativität oft damit verbunden, kein Geld zu haben. Wenn man aber kein Geld hat und die Miete nicht zahlen kann, kann man auch nicht über Jahre kreativ sein.

 

 

Du hast ja jetzt für dich einen guten Weg gefunden, in dem Du selbstständig bist und eine Teilzeitstelle hast, ein Patchwork-Job quasi. Soll das so weitergehen, weil Du die Abwechslung toll findest? Oder würdest Du gerne nur Veggie Love machen? Wie sind deine Pläne?

 

Vor vier Jahren habe ich mich selbständig gemacht und seit zwei habe ich einen Patchwork-Job. In dieser Zeit bin ich von München nach Berlin, zurück nach Stuttgart und wieder nach Berlin und innerhalb der Städte auch noch diverse Male umgezogen. Es gab viele Todesfälle in meiner Familie und eine lange Zeit, in der ich keine Visionen spinnen konnte. Noch nie war mein Leben so intensiv wie in diesen vier Jahren und noch nie habe ich beruflich soviel gelernt. Ich mag die berufliche Heimat, die ich mit und bei den Kollegen in der Organisation habe. Aber ich liebe auch meine Freiheit im Job, die freie Einteilung von Zeit, die Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Menschen und die zahlreichen Pläne, die ich habe. Ein Buchkonzept, das ich schon lange in meinem Kopf existiert und zu Papier gebracht werden soll. Ein komplett neues Gesicht für mein Blog, neue Formen von Content und mehr Reisen und Entdeckungstouren für Artikel. Vor vier Jahren war mein damals noch utopisches Ziel: als vegane Bloggerin Geld zu verdienen. Das ist nicht mehr utopisch.

 

Danke für das tolle Gespräch.