Interview Diane Hielscher

"Ich denke, das Leben ist viel zu kurz, um sich nicht überall auszuprobieren und nicht viele Dinge zu lieben."

Über Diane Hielscher

Diane ist Moderatorin, Sprecherin, Trainerin und Autorin. Sie lebt in Berlin.

Web www.dianehielscher.de

 

Interview vom 07.02.2014 in Berlin-Kreuzberg

Diane Hielscher ist ein echter Wirbelwind. Sie ist die Stimme von “FluxFM superfrüh” und “StadtLandFlux”, zu hören auf dem Berliner Radiosender FluxFM. Neben ihrer Lieblingsarbeit beim Radio, bringt sie auch anderen das Moderieren bei, steht auf der Bühne, schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine und ist Buchautorin. Aber das ist noch lange nicht alles. Wir haben sie im Fluxbau in Berlin getroffen und mit ihr über Arbeit, Freiheit und die Freude am Sich-Ausprobieren gesprochen.

Erzähl doch mal was du beruflich machst, wie dein Weg war und wie du dort, wo du bist hingekommen bist:

 

Das ist tatsächlich eine schwierige Frage. Wenn man sich zum Beispiel für eine Wohnung bewirbt, dann muss man dort schon seinen Beruf eintragen und ich guck dann immer, wie der Makler wohl so drauf ist. Meistens schreibe ich dann “Moderatorin” – oder Journalistin, aber das kommt meistens nicht so gut an. Oder Autorin, da steckt allerdings für den Makler überhaupt nicht drin, dass man Geld verdient und die Wohnung bezahlen kann, deswegen schreibe ich da dann meistens Moderatorin. (lacht)

Mit 19 wollte ich eigentlich Kommunikationsdesign studieren und habe dafür ganz viele Praktika gemacht. Zuerst bei einer Zeitung, dann beim Radio und dann beim Fernsehen und beim Radio bin ich hängen geblieben. Ich wollte eigentlich visuell arbeiten, malen, zeichnen, Pixel schieben und bin trotzdem beim Radio gelandet. Alle haben mir auch immer gesagt, “Mensch, du redest doch so viel und so gerne” und das stimmt auch.  Es war also einfach nur logisch und mit 20 hatte ich dann direkt die erste Sendung.

 

Dann kam ein Volontariat und ich hab dann lange als Moderatorin gearbeitet, war auf Bühnen und habe Internetsendungen moderiert. In Hamburg hatte ich später einen Radiojob, der mir dann aber schnell zu oberflächlich war. Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr, ständig nur Autos zu verlosen und so weiter. Also habe ich gekündigt und bin auf Weltreise gegangen. Und da habe ich dann Praktika in Russland bei einer deutschen Zeitung an der Wolga gemacht, in Costa Rica habe ich bei einem Radiosender auf englisch moderiert, bin mit dem Rucksack durch Südost-Asien gereist und habe eben das gemacht, was man so macht, wenn man auf Weltreise ist und auch auf einem Selbstfindungstrip. Danach bin ich bei Fritz in Berlin gelandet und hab dort Nachrichten moderiert. Na und jetzt bin ich immer noch beim Radio, bei FluxFM.

Aber diese Therorie, dass wenn du das tust, was du liebst, dann kommen die Sachen zu dir, das kann ich nur unterschreiben.


Bei mir kam zum Beispiel die Anfrage, ob ich das Moderieren anderen Leuten beibringen möchte und das tue ich super gerne! Ich kann vielleicht keinen Tisch bauen, nichts mit den Händen herstellen, aber das Moderieren und die Begeisterung dafür, es anderen beizubringen, ist wunderbar. Es macht mir so viel Spaß, Seminare und Workshops zu geben und anderen diesen Schubs zu geben. Viele Studenten sagen dann, “Ach, das ist ja doch anstrengender als ich dachte” aber es macht so viel Spaß und ich brenne total dafür. Während meines Politikstudiums kam dann die Anfrage, politische Podiumsdiskussionen zu führen, zum Thema Bildungspolitik. Das hat wieder total gepasst, denn auch das liebe ich und es ist genau mein Thema.

Die Sachen kamen tatsächlich immer zu mir. Ich wollte außerdem immer Autorin sein und Bücher schreiben und schreibe heute zum Beispiel für ZEIT online, Welt online, das Rolling Stones Magazine und bin darüber zum Buch schreiben gekommen und hab dann einfach entschieden, mein Buch auf eigene Faust, von meinem Geld zu schreiben. Für das zugehörige Blog habe ich dann sogar einen Journalistenpreis bekommen – so ein Glück habe ich gehabt und die Sachen kamen alle zu mir, weil ich konsequent das gemacht hab, was ich wahnsinnig liebe.

 

Bist Du damals mit 19 Jahren deinem Bauchgefühl gefolgt oder würdest du sagen, es war ein bewusster Prozess, ganz geplant zu überlegen: Ich brauche eine Arbeit und das könnte dann mein Beruf für die nächsten Jahre sein?

 

Ich hatte einfach schon immer total Bock, ganz viele verschiedene Sachen zu machen, auch jetzt mit 34 Jahren. Ich habe damals mein Fachabitur in Wirtschaft gemacht und dann ein Praktikum bei der Krankenkasse. Dadurch wusste ich dann, was ich gar nicht wollte, aber noch lange nicht, was ich wollte. In meiner Mittagspause bin ich damals dann immer eine Stunde in die Bücherei und habe Kunstbücher gelesen, einfach so, zur Entspannung und weil mich das da in der Krankenkasse so fertig gemacht hat. Diese triste Atmosphäre in diesem Büro, der Geruch von Filterkaffee, das war so unkreativ und hat mir die letzte Energie aus der Seele gezogen. Aber ich wusste trotzdem nicht, was genau ich nun mit diesem Wissen anfangen sollte. Ich habe und hatte schon immer tausend Sachen, die ich gerne machen möchte, zum Beispiel Filmen und Malen.

Ich denke, das Leben ist viel zu kurz, um sich nicht überall auszuprobieren und nicht viele Dinge zu lieben. Meine Freunde denken schon, dass ich verrückt bin.

 

Wir machen auch auch die Erfahrung, dass Menschen, die glücklich sind mit ihrer Arbeit, meistens sehr viele verschiedene Dinge tun und sich nicht beschränken. Arbeit ist kein bestimmter Job, sondern kann alles mögliche sein.

 

Hat dich deine Arbeitsweise und das Ausprobieren viel Mut gekostet? Hattest du auch Angst auf deinem Weg? Zum Beispiel zu “scheitern”?

 

Nein gar nicht. Ich habe mit 24 gekündigt, hatte da schon 5 Jahre moderiert und wollte dann was anderes. Da haben mich dann alle ganz besorgt gefragt: Wovon willst du denn nun leben? Und ich dachte nur, aber ich bin doch erst 24! Ich könnte doch alles mögliche machen, wie kellnern, Dosen im Supermarkt einräumen oder sonst was. Also ich muss ja keine Angst haben, zu verhungern. Und außerdem ich habe doch schon Geld verdient und andere sind dann grad in der Uni und haben doch auch kein Geld. Wieso soll ich mir denn mit 24 schon solche Existenzängste einreden? Ich hab mein Auto verkauft und bin davon auf Weltreise gegangen. Danach bin ich wieder direkt beim Radio eingestiegen, dass konnte ich gut und das Reden und Moderieren liebe ich ja schließlich. Da war ich auch flexibel und habe dann eben Nachrichten gemacht, anstatt eine Sendung zu moderieren. Ich war da vollkommen angstfrei. Was braucht man denn schon als so junger Mensch? Ist doch Unsinn, sich da schon so zu ängstigen.

 

 

Und heute? Du bist inzwischen Mutter und erwartest gerade dein zweites Kind. Hat sich deine Einstellung vor dem Hintergrund geändert?

 

Ich habe bei FluxFM so etwas wie meine Homebase gefunden. Ich bin so gerne da, arbeite mit tollen Leuten, ich gehe gerne zur Arbeit und wir haben so viel Spaß. Ich kann über die Themen reden, die mich interessieren: Politik, Kultur, Bücher und das mit tollen, interessanten Leuten, jeden Tag. Das ist auch so meine “Mietezahlbasisarbeit” – also “Quit your day job” ist für mich Unsinn, weil es nicht einfach ein Job ist, sondern mir ungeheuer Spaß macht und es natürlich sehr super ist, wenn man so eine Basis hat, von der aus man agieren kann.

 

 

Wie wichtig ist dir Geld? Ist das ein großes Thema oder prägt deine Entscheidungen?

 

Nein, überhaupt nicht. Ich habe die Sicherheit der “öffentlich-Rechtlichen” für ein Projekt aufgegeben, das jederzeit hätte Pleite gehen können. Ich habe aber gemerkt, bei öffentlich-rechtlichen Anstalten geht beruflich für mich nicht so viel und man kann nichts bewegen. Das sind große Apparate, die nur auf bestimmte Art und Weise funktionieren. Bei Flux, damals noch Motor FM, dagegen kann man viel rocken und auf die Beine stellen – man ist sich ja im Klaren, das solche Projekte mit anderen unternehmerische Risiken verbunden sind und es solche Sicherheiten über Jahre absehbar dann nicht mehr gibt. Geld ist mir natürlich auch nicht ganz egal. Auch ich gehe gern mittags essen oder mal ein Feierabendbier trinken, wenn ich dann wieder darf. (lacht) Und auch für mein neues Projekt brauche ich ein bisschen Geld. Sicher könnte ich mich auch anders anstrengen und woanders mehr Geld verdienen, aber es ist nicht meine Priorität. Ich will das nicht, ich habe lieber Spaß bei der Arbeit.  Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist mir wichtig. Hier habe ich entweder die Sendung früh morgens (FluxFM superfrüh) oder die Vormittagssendung (StadtLandFlux) und habe dann am nachmittag Zeit für mein Kind und kann auf den Spielplatz gehen. Das ist natürlich für eine Mutter sehr wichtig.

 

 

Manche Mütter sagen, dass sie keine Zeit mehr haben, sich beruflich zu verwirklichen. Es geht nicht mehr nur um einen selbst, sondern um die Sicherheiten, die man den Kindern bieten müsste. Wie stehst Du dazu? Muss man sich zwischen beruflicher Selbstverwirklichung und Muttersein entscheiden?

 

Ja, diese Diskussion kenne und verfolge ich natürlich. Ich hatte es leicht, denn ich hatte so viel Glück. Zum Beispiel, dass ich jetzt die Vormittagssendung machen kann – die Nachmittagssendung geht bis 19 Uhr – welche Kita soll da auf mich warten? Also, ich bin mir im Klaren, dass ich da auch Glück habe und kann daher nicht 100 prozentig sagen, das ist Bullshit. Aber ich denke, dass man sehr kreativ mit der Situation umgehen kann. Es gibt viele “Mompreneurs” die sind ungeheuer kreativ, verkaufen sehr erfolgreich zum Beispiel auf DaWanda, sind Illustratorinnen, Designerinnen, machen alles mögliche und haben auch drei Kinder. Sie verwirklichen sich selbst, meinetwegen während die Kinder in der Schule oder Kita sind und sind die glücklichsten Menschen der Welt. Es schließt sich also nicht automatisch aus. Aber ich will auch nicht arrogant sein und sagen, dass jeder nur seinen Arsch hochkriegen muss, dann läuft das schon. So ist es auch nicht. Ich hatte einfach Glück. Wenn man beispielsweise alleinerziehend ist, sieht die Sache schon mal ganz anders aus. Einige Situationen erfordern eben, dass man zeitweise irgendeinen Job macht, um die Miete zu bezahlen und den Alltag auf die Reihe zu kriegen.

 

Wie ist deine Haltung zur Arbeit? Was bedeutet Arbeit für dich?

 

Ganz ganz viel. Deswegen könnte ich mir auch nicht vorstellen, der Kinder wegen aufzuhören. Ich wollte immer Kinder, das war klar, aber ich höre ja auch nicht auf zu atmen, nur weil ich nun Kinder habe. Das ist für mich ein bisschen das Gleiche.

Arbeit ist für mich auch ein Stück, wer ich bin und was ich mit meinem Leben tue. Ohne kann ich nicht leben.

Natürlich fahre auch ich gerne mal in den Urlaub und verdiene auch Geld, um das zu können, aber doch nicht um den ganzen Tag am Strand rumzuliegen, da würde ich bekloppt werden. Außerdem habe ich viel zu viele Ideen – meine Definition von Arbeit umfasst nämlich auch Dinge, mit denen ich kein Geld verdiene.

 

Glaubst du, dass wir gesellschaftlich eine komische Definition von Arbeit haben? Das man vielleicht mal darüber nachdenken sollte, was eine persönliche Definition sein könnte? Ist es zu schwierig, die eigenen Ideen als Arbeit zu akzeptieren und sie umzusetzen weil sie aus der gesellschaftlichen Definition herausfallen und Arbeit vorschnell als etwas Negatives verstanden wird?

 

Es ist offenbar schwierig. Ich merke im Gespräch mit vielen Menschen, dass sie es schwer finden, ihre Träume zu verwirklichen. Aber es ist sehr unterschiedlich, so wie mit anderen Dingen auch. Für einige ist es leichter und für andere sehr schwierig, zum Beispiel Gitarre spielen zu lernen. Als ich meinem ersten Freund damals erzählte, dass ich gerne länger ins Ausland will, hat er gesagt: “Aber du bist doch jetzt Moderatorin”. Als würde mein Beruf alles Andere nun ausschließen. Für mich war das überhaupt kein Widerspruch, aber es war, als würden wir nicht die gleiche Sprache sprechen. Die Haltung zur Arbeit und zu den eigenen Möglichkeiten ist für die Menschen sehr unterschiedlich.

 

Was würdest du deinen Kindern oder auch Freunden in puncto Arbeit mitgeben wollen?

 

Also als Mutter macht man sich natürlich Gedanken. Für mich wäre es das Allerschlimmste, wenn meine Söhne keine Visionen hätten. Ganz egal, was sie machen wollen oder welche Vision sie haben. Ich wünsche mir nur, dass sie irgendeine Vision für ihr Leben entwickeln und Ideen haben. Man hat ja auch mit anderen Müttern beim Kaffee diese typischen Gespräche, was man sich so vorstellt für die Zukunft seiner Kinder und ich muss dann immer etwas lachen und mache eher so Späße. Wir wohnen ja in Neukölln und vielleicht macht mein Sohn dann mal einen Späti auf oder eine Dönerbude oder was auch immer. (lacht) Hauptsache er hat Ideen! Mir ist auch nicht wichtig, ob sie Abitur machen, wenn sie wissen, dass sie etwas anderes glücklich macht. Klar, in dem Moment wo sie fünfen nach Hause bringen ist man sicher nicht mehr so begeistert, aber Hauptsache sie haben eine Idee und wissen, was sie antreibt und bewegt. Das wünsche ich mir am allermeisten. Das Schlimmste wären für mich zwei “Slackersöhne”, die keine Ideen haben und nichts machen. Keine Interessen, das würde mich fertig machen.

 

Unsere Interviews und auch unsere persönliche Erfahrungen zeigen, dass Selbstständige oft eine ganz andere Sicht auf die Arbeit haben und glücklicher sind, mit dem was sie tun. Das jeder seine Selbstständigkeit entdeckt und sich dafür entscheidet, ist unwahrscheinlich und utopisch. Wie müsste sich die Arbeitswelt verändern, damit man auch als Angestellte(r) im Job sagen kann: Oh schade, schon wieder Freitag!?

 

Ich finde es tragisch und traurig, dass so viele Menschen, die in Führungspositionen sind, nicht verstehen, dass jeder eine gewisse Verantwortung braucht. Sonst kann man nicht leben.

Wenn du keine Verantwortung trägst, für nichts, sondern immer nur das tust, was andere dir sagen, von morgens bis abends, dein ganzes Leben - das ist was Menschen unglücklich macht.

Ich denke das Grundübel ist, dass zu vielen Menschen die Verantwortung komplett abgenommen wird. Besser wäre es, sie ihnen anzuvertrauen. Zu sagen, hier, das ist dein Bereich, du bist dafür verantwortlich und wenn du es gegen die Wand fährst, trägst du Verantwortung. Was meint ihr, wie glücklich die Leute plötzlich wären? Ganz gleich, wie groß der Bereich wäre. Wenn ich weiß, das ist meins, und wenn es gegen die Wand gefahren wird, habe ich es gegen die Wand gefahren, dann arbeite ich ganz anders und gehe ganz anders zur Arbeit. Wenn einem aber die Verantwortung abgenommen wird, fühlt sich niemand wirklich für irgendetwas zuständig. Daran ist quasi auch der Kommunismus gescheitert (lacht). Und es ist eben so, dass viele Chefs der Meinung sind, sie müssten jedem alles immer vorgeben. Selbst in eigentlich kreativen Berufen, bekommt man vorgeschrieben, wo man genau die Pixel hinschieben soll.  Dabei könnte man ja auch ein Ziel nennen: „Es soll ein schönes Bild sein“. Egal in welchem Bereich man arbeitet, Verantwortung übernehmen zu können, ist der Schlüssel. Und deswegen sind Selbstständige glücklicher, weil einfach die Verantwortung für ihr Tun und Lassen bei ihnen liegt. Und sie leben mit dem Wissen, dass sie auch Pleite gehen könnten. Vielleicht ruft ab morgen niemand mehr an und es gibt keine Aufträge mehr, kann sein. Aber sie arbeiten in eigener Verantwortung. Also suchen sie sich etwas, für das sie sich verantwortlich fühlen und geben gerne alles dafür. 

Danke für das nette Gespräch!

 

 

 

PS. Das neueste Herzensprojekt von Diane kann man auf ihrem Blog verfolgen:

www.diyane.tumblr.com


Dort zeigt sie den Umbau und die Renovierung einer alten DDR Laube. Diane sagt von sich, sie können nicht nähen, nicht gärtnern, nicht bauen - aber sie will alles lernen! Und sie wird auf jeden Fall alles dokumentieren – auch ihr Scheitern. Wir sind begeistert und freuen uns auf Geschichten und Bilder!