Interview

Anna Groos & Tobias Reitz

"Diese "Ich MUSS zur Arbeit"-Definition ist überhaupt nicht meine."

Über Anna Groos & Tobias Reitz

Anna Groos ist Freelancerin und arbeitet Teilzeit in einer Digitalagentur. Tobias Reitz ist Mitgründer der Agentur quäntchen + glück. Außerdem macht das Paar noch viele gemeinsame Projekte.

Web        www.qundg.de

 

Interview vom 27. Mai 2016 in Darmstadt.

Anna und Tobi sind absolute Tausendsassa in der digitalen Welt. Der Agentur-Mitgründer und die Teilzeit-Freelancerin haben außerdem viele gemeinsame Nebenbei-Projekte (und noch super viele Ideen). Seit ein paar Monaten haben sie noch ein wunderschönes, gemeinsames „Projekt“ - ihren Sohn Carlo. Im Interview haben wir über die Definition von Arbeit, die Bedeutung von Geld und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesprochen.

Wer seid ihr und was macht ihr? Stellt euch doch mal vor und erzählt, wie euer Weg war. Was steht auf eurer Visitenkarten oder was würde auf einer imaginären stehen?

 

Anna: Ich bin Anna und seit Neuestem auch Mama Anna. Wenn ich darüber nachdenke, was auf dieser verrückten Visitenkarte stehen müsste (lacht) – ich hätte wahrscheinlich ganz viele. Noch habe ich die Mutter-Visitenkarte und ab nächster Woche die Teilzeit-angestellt-Visitenkarte. 
Als was? Da fängt es schon an. Meiner Oma kann ich nicht erklären, was ich mache. Der sage ich immer, dass ich etwas mit Journalismus mache, dabei stimmt das so gar nicht.
Ich habe zwar Online-Journalismus studiert, danach aber in einer Kommunikationsagentur als Beraterin gearbeitet. Inzwischen arbeite ich in einer Digitalagentur, habe aber mit dem Agenturgeschäft nicht viel zu tun, sondern bin dort in einem internen Start-up, das sich während meiner Elternzeit zu einer Art Ideeninkubator entwickelt hat.
Inhaltlich stehen auf meinen Visitenkarten Konzeption, Produktmanagement und Marketing. Tobi hat mich mal als Libero bezeichnet. (lacht) Ein universal einsetzbarer Mensch in einem Team. Weil ich sowohl in meiner ersten als auch in der jetzigen Festanstellung Teilzeit gearbeitet habe, gibt es noch mehr Visitenkarten und Nebenbei-Projekte. Zum Beispiel den Tischdienst, eine Veranstaltung in Darmstadt, bei der Hobbyköche sich zum Abendessen treffen und ihre selbstgemachten Leckereien tauschen. Letztes Jahr haben wir den Verein Digitale Darmstadt gegründet und veranstalten zweimal im Jahr einen Webmontag. Dann gibt’s noch das Usability Testessen, das Menschen zusammenbringt, die bei Pizza und Bier gegenseitig Produkte testen. Eventmanagement würde also auch noch auf einer Visitenkarte stehen.
 

Du hast also eine Selbstständigkeit-Teilzeit-Patchwork-Arbeit und machst alles, was dir Spaß machst.

 

Anna: Genau.

Und du?

 

Tobi: Wie war mein Weg? Ich habe auch Online-Journalismus studiert. Daher kennen wir uns, sind aber erst später zusammengekommen. Während des Studiums habe ich mit 13 Kommilitonen einen Verlag gegründet und ein Studentenmagazin mit dem klangvollen Namen darmspiegel herausgebracht. Das war ziemlicher Irrsinn, so eine GbR mit 13 Gesellschaftern, aber es war auch super cool, da wir dabei mehr gelernt haben, als in den meisten Vorlesungen und Seminaren. Außerdem habe ich dadurch super Leute kennengelernt. Nach dem Magazin haben wir noch ein Buch herausgebracht und die erste klimaneutrale Deutschlands, die Organic Disco, veranstaltet. Mit einigen dieser Menschen habe ich 2010 dann  quäntchen + glück gegründet. Das war noch während des Studiums. Nach all den Projekten waren Unternehmen auf uns zugekommen. Da wir vorher alles nur aus Idealismus gemacht hatten, waren wir natürlich erstmal verwirrt, dass uns jemand Geld für unsere Arbeit geben wollte. Genommen haben wir es natürlich trotzdem und die Agentur gegründet. Das war klassisches Bootstrapping. Wir haben die ersten Aufträge in der WG-Küche gemacht und haben dann von unserem ersten Geld die Wohnung, die unter der WG frei geworden ist, dazu gemietet. Irgendwann kam dann der erste Mitarbeiter, dann wurde das Büro zu klein und wir sind hier auf das Gelände gezogen. Das ab + zu, wo wir gerade sitzen, war das erste richtige quäntchen + glück Büro. Inzwischen arbeiten im Büro ein Stockwerk obendrüber meine zwei Mitgesellschafter, ich und 17 Mitarbeiter. Wir machen alles, was unter Online-Kommunikation fällt – gestalten, texten, programmieren Websites, entwickeln Social-Media und Contentstrategien – Hauptsache, es hat was mit dem Internet zu tun. (lacht)
Bis Carlo kam, habe ich das Vollzeit gemacht, dann war ich drei Monate in Elternzeit und jetzt habe ich wieder in Teilzeit angefangen. Und dann haben Anna und ich ja noch viele gemeinsame Projekte, von denen Anna schon einige aufgezählt hat.

 

Tobi, du hast eine Agentur gegründet. Anna, du arbeitest auch als Freelancerin. Habt ihr in euren Familien Vorbilder, für die Art, wie ihr arbeitet? Was hat euch da beeinflusst?
  

Tobi: Meine Eltern sind auch selbstständig. Ich weiß nicht, was Sigmund Freud dazu sagen würde, inwiefern einen das prägt und den Mut gibt, auch selbst etwas zu machen. (lacht) Der Schritt in die Selbstständigkeit fühlte sich für mich nicht wie ein großes Risiko an. Wir haben die Agentur mit 500 Euro Einlage gegründet und haben in der Folge zwar viel Zeit, aber nie viel Geld reingesteckt. Inzwischen ist die Agentur einigermaßen groß, aber wir sind ja mitgewachsen. 

Anna: Mein Papa war sehr lange selbstständig, ist es jetzt aber nicht mehr. Meine Mama war immer festangestellt.

Was ich von ihnen gelernt habe, ist, dass man nicht zu lange in einem Job rumhängen sollte, der einen nicht richtig glücklich macht. Ich wusste schon immer, wenn ich merke, dass mich etwas unglücklich macht und ich es nicht verändern kann, dann ziehe ich daraus die Konsequenzen.

Bei meinen Eltern habe ich gesehen, wie unglücklich es einen machen kann, wenn man zu lang in einem falschen Job bleibt. Sie haben es inzwischen beide so hingekriegt, dass sie mit ihrer Arbeit zufrieden sind.

Tobi: Für mich war die Gründung des Verlags im Studium auch sehr prägend. Das waren einfach so coole Leute. Das hat so viel Spaß gemacht und hatte so viel Power. Da habe ich gelernt, wie cool es ist, selbstständig mit Freunden zusammenzuarbeiten – und nicht mit x-beliebigen Kollegen in einer Festanstellung. Und irgendwie wusste ich das auch schon immer. In meiner Abizeitung stand bei der Frage, was ich in 10 Jahren machen will, dass ich eine eigene Agentur haben möchte.

Anna: Du bist ja ein geradliniger Typ. (lacht)

 

Wie ist denn eure Einstellung zu Geld? Welchen Stellenwert hat es? Und inwiefern beeinflusst Geld eure Entscheidungen?

 

Anna: Mir ist das Thema Geld in Bezug auf Arbeit insofern wichtig, dass ich nicht ausgebeutet werden will. In dieser „Ich-mach-was-mit-Medien-Welt“ wird es gerne ausgenutzt, dass einem die Arbeit Spaß macht. Da musste ich auch schon Diskussionen führen. Da geht es mir nicht um das Geld, sondern um das Prinzip. Es ist mir nicht wichtig, dass ich viel Geld verdiene, aber es mir wichtig, dass meine Arbeit angemessen vergütet wird. Ich würde einen Job aber nicht nur nach der Bezahlung aussuchen. Viel Geld zu haben, ist mir in meinem Leben generell nicht so wahnsinnig wichtig.

Tobi: Wir leben ja auch nach der Maxime, dass das Leben so wenig wie möglich kosten und puristisch sein sollte. Dann gerät man erst gar nicht in den Strudel, immer mehr Geld verdienen zu müssen.

Anna: Genau, es geht um das Müssen. Geld zu verdienen, ist nicht schlimm. Aber es ist schlimm, Geld verdienen zu müssen, weil man so viele Verpflichtungen hat, denen man nachkommen muss.

Tobi: Ja. Wir sind da auch nicht so drauf, dass wir jetzt sofort ein Haus bauen wollen. Es ist vollkommen cool, in einer Mietwohnung zu wohnen und einen verbeulten Polo zu fahren. So haben wir auch die Agentur aufgebaut. Am Ende des Tages, wird sich die Arbeit und Liebe, die wir reinstecken auch auszahlen. Davon bin ich überzeugt.

 

Was ist denn eure Definition von Arbeit?

 

Anna: Arbeit ist für mich ein ganz schwammiger Begriff. Was ich mache, würde man von außen immer als Arbeit bezeichnen, für mich fühlt es sich von innen aber nicht so an. Ich sehe das nicht als Arbeit.
Vielleicht kann man es am Satz „ich muss am Montag zur Arbeit gehen“ erklären. Das sagen viele Menschen. Dieses „Müssen“ ist etwas von außen Bestimmtes. Ich fange nächsten Dienstag wieder an zu arbeiten. In meiner Teilzeit-Festanstellung und als Freelancerin. In meinem Kopf ist aber nicht der Satz, dass ich am Dienstag wieder zur Arbeit gehen muss. Im Gegenteil: Ich kann am Dienstag wieder zur Arbeit gehen und muss nicht die ganze Zeit  zu Hause sitzen. (lacht) Wobei, das so gar nicht stimmt, da wir auch während der Elternzeit kleine Projekte gemacht haben. Zu meiner Arbeit gehört auch, neue Menschen zu treffen, andere Horizonte kennenzulernen, den eigenen zu erweitern und Ideen-Pingpong zu spielen. Das macht meine Arbeit aus.

Diese "Ich MUSS zur Arbeit gehen"-Definition ist überhaupt nicht meine. Es klingt immer so klischeehaft, dass Arbeit einen erfüllen muss. Ich denke eher, dass mein Leben mich erfüllen muss und die Dinge, die ich mache. Und das ist eben eine Mischung. Privates und Berufliches trenne ich nicht wirklich. 

Tobi: Das ist bei uns vielleicht eine Besonderheit. Dadurch, dass wir beide eine ähnliche Arbeit haben, können wir sie mit nach Hause, ohne den anderen damit zu nerven. Wenn ich über etwas spreche, kann Anna sich damit inhaltlich auseinandersetzen und das empfinde ich als etwas sehr Positives. Dadurch können wir uns gegenseitig helfen und unterstützen. Natürlich bedeutet das auch, dass nie wirklich Feierabend ist. Wir sprechen ganz oft beim Abendessen noch stundenlang über irgendwelche Projekte.
Ich finde es schwer, eine Definition für Arbeit zu finden. Arbeiten um zu leben, leben um zu arbeiten. Das lässt sich nicht trennen. Mir macht die Arbeit total Spaß, aber ich fand es auch schön, drei Monate Elternzeit zu haben und mich mal nicht mit den ganzen Problemen auseinandersetzen zu müssen. Man muss die Arbeit auch nicht romantisieren und jeden Moment glückselig sein. Natürlich verursacht Arbeit auch Stress und es gibt Negativerlebnisse, das gehört alles dazu.

Aber ich würde nie einen Job machen, der mich unglücklich macht. Wenn man einen Monat lang jeden Morgen in den Spiegel guckt und denkt "mein Leben ist scheiße", dann läuft irgendetwas verkehrt und man muss etwas ändern.

 

Ihr beschäftigt euch ja persönlich viel damit, wie ihr leben und arbeiten wollt, auch generell mit der Thematik, wie man leben und arbeiten kann. Bei quäntchen + glück macht ihr das auch. Magst du davon mal erzählen?

 

Tobi: Unser Vorteil war, dass wir gar nicht genau wussten, wie Arbeit im Allgemeinen und eine Agentur im Speziellen funktionieren. Wir studierten, hatten ein paar Praktika gemacht, aber keiner von uns hatte bereits länger in einer Festanstellung gearbeitet. Das hat uns zwar in manchen Bereichen Lehrgeld gekostet, war aber ein großer Vorteil, in Bezug darauf, wie wir arbeiten wollen. Das war eine Brachfläche, die wir selbst gestalten konnten. Wie definieren wir Unternehmensführung? Brauchen wir Hierarchien? Wie wollen wir zusammenarbeiten? Das konnten wir alles gemeinsam definieren. Und das machen wir bis heute. Wir fahren einmal im Jahr mit dem gesamten Team in den Odenwald und beschäftigen uns drei Tage nur damit, wie wir arbeiten wollen. Dort sprechen wir über Workflows oder Gehaltsgefüge – also wie macht man eigentlich Gehälter? Das ist eine spannende Frage. Wir lassen uns inspirieren und finden eigene Wege. Unsere Mitarbeitergespräche sind ein gutes Beispiel. Viele Unternehmen behaupten von sich, flache Hierarchien zu haben. Die Mitarbeitergespräche laufen trotzdem Top-down. Wir haben ein Format entwickelt, das nennt sich Speedback. Das läuft wie Speeddating. Jeder Mitarbeiter spricht mit jedem. Alle geben sich gegenseitig Feedback. Das ist viel sinnvoller. Solche Werte haben schon immer einen hohen Stellenwert. Am Anfang haben wir uns ganz oft getroffen und nur darüber gesprochen, wie wir die Agentur entwickeln wollen. Und auch heute experimentieren wir viel. Wir haben zum Beispiel eine Urlaubsflatrate, ohne abschließend herausgefunden zu haben, ob die nun gut oder schlecht ist. Es gibt Vor- und Nachteile. Wir bezahlen Überstunden – auch das ist leider als Agentur ungewöhnlich – haben flexible Arbeitszeiten und ermöglichen durch unsere Bring-Your-Own-Device-Philosophie Home-Office-Zeiten. Und wir haben das ab + zu, einen Kreativraum, den wir selbst für Workshops und Events nutzen und an andere vermieten. Wir haben einfach großen Spaß daran, für uns selber herauszufinden, wie wir arbeiten wollen. Manche Experimenten laufen gut und manche schlecht. Fehler sind nicht verboten. Verboten ist nur der Satz: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

 

Merkt ihr denn, dass ihr durch eure Herangehensweise auch andere Menschen anzieht?
 

Tobi: Wir merken schon, dass wir viele Leute anziehen. Es spricht sich langsam herum, dass bei quäntchen + glück Dinge anders gemacht werden. Und Incentives wie flexible Arbeitszeiten, bezahlte Überstunden und Urlaubsflatrate ziehen natürlich an – leider nicht nur die richtigen Leute. Bevor wir jemanden anstellen, gibt es immer erst ein Fachgespräch, in dem nicht nur einer der Gesellschafter sitzt, sondern auch Mitarbeiter, die sich fachlich mit der Bewerbung auseinandersetzen können. Und dann gibt es noch ein Treffen, wir nennen es liebevoll „Bewerber-Grillen“, an dem wir gemeinsam grillen oder ein Bierchen trinken. Das gibt dem Team und dem Bewerber die Möglichkeit, sich persönlich kennenzulernen. Das ist uns wichtig. Dieses zweite Treffen hilft uns, Menschen zu identifizieren, die zu uns passen. Wir setzen auf die Selbstständigkeit unserer Mitarbeiter. Jeder ist ein bisschen Unternehmer im Unternehmen. Leute, die Bock darauf haben, können sich bei uns verwirklichen und etwas bewegen. Wer lieber Dienst nach Vorschrift macht, was ja legitim ist, wird bei uns wahrscheinlich nicht ganz glücklich.


Hier sitzt ja noch ein dritter Mensch, Carlo. Ihr seid seit ein paar Monaten Eltern. Hat das etwas mit euer Einstellung zur Arbeit oder zu Geld gemacht? Was hat sich verändert? Oder eben nicht?
 

Tobi: Ich habe vor der Elternzeit wahrscheinlich 50 bis 60 Stunden in der Woche gearbeitet. Das hat sich zwar nicht so angefühlt, aber es war bestimmt so viel. Jetzt merke ich, wie wenig 20 Stunden sind und wie wichtig es aber ist, diese Vereinbarung einzuhalten. Es gibt engere Grenzen, aber ich finde das gut. Durch Carlo habe ich gelernt, dass auch mal Schluss ist. Ich bin fokussierter in der Zeit, in der ich arbeite. Und in der restlichen Zeit versuchen wir Carlo so gerecht wie möglich zu werden.

Anna: Es ist auf jeden Fall eine Prioritätenverschiebung. Da ist jetzt plötzlich so ein kleiner Typ und der kommt jetzt an erster Stelle und zwar immer. Vorher war da nichts. Wir haben in der Elternzeit auch gelernt, dass wir uns nicht immer gegenseitig anstecken dürfen. Wir haben eine Liste mit ganz vielen Ideen, die wir noch umsetzen wollen. Früher hätten wir das sofort gemacht. Jetzt bleiben sie erstmal auf einer Liste. Und wenn wir etwas von der Liste umsetzen, dann erstmal so, wie wir es vor Carlo auch gemacht hätten. Manches funktioniert, manches nicht. So lernen wir durch Ausschlussverfahren. Viele Menschen hätten sich ein Event wie den Webmontag mit fast 400 Gästen vielleicht nicht zugetraut mit Baby. Wir hatten keinen Babysitter an dem Abend und haben Carlo einfach mitgenommen. Es hat aber super funktioniert und jetzt wissen wir, dass wir das nochmal machen können. Sich von vorauseilendem Gehorsam einschränken zu lassen, das wollen wir nicht.

 

Habt ihr durch Carlo ein größeres Sicherheitsbedürfnis?
 

Tobi: Nee.

Anna: Momentan braucht das Baby nicht so viel, außer Milch und Liebe. Und Windeln.

Tobi: Ich habe immer sehr wenig Angst. Das klingt jetzt vielleicht arrogant, aber wir haben das Privileg, gut ausgebildet zu sein und einen Job am Puls der Zeit zu haben. Es wird sich immer irgendwo Arbeit finden. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man für eine Weile einen Job macht, den man weniger geil findet. Die Demografie und der Fachkräftemangel in Deutschland sprechen für uns. Deswegen blicke ich entspannt in die Zukunft. Gemein ist, dass viele Menschen in Deutschland und im Rest der Welt dieses Privileg nicht haben.

 

Wie habt ihr denn eigentlich die Elternzeit genau aufgeteilt? Und wie macht ihr es jetzt? Habt ihr euch vorher viele Gedanken zu dem Thema gemacht?
 

Anna: Wir haben schon vor der Schwangerschaft ziemlich lange und oft darüber geredet und wir waren uns immer einig, dass wir eine gleichberechtigte Aufteilung wollen und Gleichberechtigung dabei nicht nur als hohle Phrase sehen. Uns war klar, wir wollen Familienarbeit und „Arbeitarbeit“ möglichst gleichwertig aufteilen. Denn keiner von uns wäre nur mit Familienarbeit ausgelastet und würde wahrscheinlich irgendwann hohl drehen. (lacht) Wir wollten und wollen aber im ersten Jahr auch noch keine Vollbetreuung durch eine dritte Person. Und da ist es einfach am praktischsten, wenn man sich das Baby zuwirft und sich abwechselt. Wir sind ja jetzt noch ganz am Anfang, aber bisher funktioniert alles prima. Tobi hatte drei Monate Elternzeit, ich habe jetzt noch einen Monat dazugenommen, da das mit dem Stillen und der Abwesenheit noch ein bisschen schwierig ist. Ab nächstem Monat werden wir sehen, wie das funktioniert, aber ich bin da ganz entspannt. Unser Plan war schon von Anfang an, dass Carlo auch die Flasche mag und nimmt. Deswegen haben wir auch schon früh damit angefangen, damit es auf jeden Fall funktioniert. Das ist bisher aufgegangen. Die drei gemeinsamen Monate Elternzeit sind auch aufgegangen. Wir waren beide total entspannt und konnten gemeinsam das Elternsein lernen, zusammen Fragen beantworten und Dinge herausfinden. Das ist viel einfacher zusammen, glaube ich.


Tobi: Ich stelle es mir schwierig vor als Vater, nach der Geburt nur zwei Wochen Urlaub zu haben, anschließend wieder Vollzeit arbeiten zu gehen, um nach ein paar Monaten plötzlich Vollzeit-Papa zu sein. In den ersten Monaten wird ein wichtiger Grundstein gelegt, wie man gemeinsam und individuell die Elternrolle definiert und mit seinem Kind umgeht. In der Retrospektive finde ich Entscheidung, diese drei Monate gemeinsam zu Hause zu bleiben, super. Auch wenn wir dadurch sechs Elterngeldmonate in drei Monaten verballert haben – das war es wert. Vor allem, um die 50/50-Aufteilung hinzukriegen. Zu der gab es für uns nie wirklich eine Alternative. Dafür arbeiten wir einfach beide zu gerne und dafür haben wir auch beide einfach den Carlo zu lieb. Ich habe überhaupt keine Lust, zu verpassen wie er groß wird. Das erlebt man nur einmal. Ich vermisse es gerade nicht, Vollzeit zu arbeiten und es gibt mir unheimlich viel, nach einem knackigen 4-Stunden-Arbeitstag nach Hause zu kommen und mit dem Baby Quatsch zu machen.


Anna: Wie es langfristig wird, müssen wir dann schauen. Der Plan ist es, dass wir jetzt erstmal beide Teilzeit arbeiten und Teilzeit Carlo betreuen. Und länger als ein Jahr haben wir noch nicht geplant.


Tobi: Das Schöne ist, dass wir im selben Bereich arbeiten. Wir verstehen, welche Probleme es gibt und können uns sachlich damit auseinandersetzen. Verteilungskämpfe zwischen Freizeit und Arbeit gibt es natürlich auch. Die wird es immer geben. Nur weil man sich einmal darauf geeinigt hat, sich alles fair aufzuteilen, heißt nicht, im Detail nicht immer wieder nachjustieren zu müssen.


Anna: Das ist auch sehr wichtig, dass man zwischendurch kurz innehält und reflektiert, ob das gerade funktioniert oder ob es nicht funktioniert. Ob es nur für einen von uns funktioniert oder für beide. Es gibt immer wieder Gesprächsbedarf.
Wir haben das ja auch noch nie gemacht und ich weiß noch gar nicht, wie ich mich als Mutter definiere. Das macht es natürlich schwieriger. Meine Mutter ist ein großes Vorbild für mich, was das Muttersein angeht, aber ich habe ziemlich wenige Vorbilder, die auch ein 50/50-Modell leben. Deswegen müssen wir für uns rausfinden, wie wir das machen wollen.
Wir haben heute Morgen darüber gesprochen, dass wir unsere Aufteilung auch super finden, was die Risikostreuung angeht. Wir sind nicht auf ein Vollzeitgehalt angewiesen und sind beide nicht so lange aus dem Job. Nach der Elternzeit können wir beide schnell wieder einsteigen und durchstarten.


Tobi: Das ist in dem Buch „Papa kann auch stillen“, eines der wenigen Vorbilder für das 50/50-Modell, gut beschrieben. Wenn eine Frau in der Digitalbranche drei Jahre komplett aus ihrem Beruf aussteigt, ist der Wiedereinstieg unheimlich schwer. In drei Jahren sieht das Web komplett anders aus. Durch unsere Aufteilung, verpassen wir nicht wirklich etwas. Wir machen kurz „low“, bleiben aber beide dran und steigen nach einer Weile wieder voll ein.


 

 

 

Anderes Thema. Wie empfindet ihr denn Unternehmertum in Deutschland?

 

Tobi: Gefühlt ist Unternehmertum in Deutschland noch immer kein großes Thema. An der City University of New York in den USA gibt es beispielsweise den Studiengang „Entrepreneurial Journalism“, in dem es darum geht, journalistische Start-ups zu gründen und Produkte zu entwickeln. Sowas gibt es in Deutschland überhaupt nicht. Wir haben im Studium kaum unternehmerische Grundlagen gelernt.

Es gibt so gut wie keine Vorbereitung auf die Selbstständigkeit. Natürlich gibt es Gründerzentren und andere Angebote, aber das müsste ganz selbstverständlich schon viel früher in die Ausbildung integriert sein.

Anna: Man muss sich immer aktiv dafür entscheiden. Es wird einem nicht nahegebracht, wenn man sich nicht dafür interessiert.

Tobi: Und dann gibt es noch immer bürokratische Hürden. Wenn man zum Beispiel beim Finanzamt oder bei der Elterngeldstelle anruft und sagt, dass man zum Teil selbstständig und zum Teil angestellt ist – dann ist man sofort im Haus, das Verrückte macht. Da merkt man, dass es definitiv Nachholbedarf gibt, wenn es um flexible Arbeitsformen geht. Die Arbeit ist dynamischer geworden, die Bürokratie noch nicht.


Vielen Dank für das tolle Gespräch und weiterhin alles Gute!