Interview Angela Schmidt

„Ich habe jetzt etwas, was ich total gerne mache und ich sage nicht mehr, dass ich das machen muss, sondern: Ich will das machen.“

Über Angela Schmidt

Angela Schmidt hat im Juni 2012 „Die Notfallmamas“ gegründet - Eine Kindernotfallbetreuung für Unternehmen, Angestellte & Selbstständige. Sie will damit die Arbeitswelt familienfreundlicher gestalten. Angela lebt und arbeitet in Hamburg.

Web        www.notfallmamas.de

 

Interview vom 24.01.2014 in Berlin.

Angela Schmidt hat vor der Geburt ihrer Tochter Sara als Office Managerin und Geschäftsführungssekretärin in verschiedenen Startups in München gearbeitet. Nach der Elternzeit und inzwischen in Hamburg, wollte Angela in Teilzeit zurück in ihren alten Job, was nicht so einfach war. Als Sara dann eines Tages eine schwer Bronchitis hatte und Angela niemanden hatte, der für sie einspringen konnte, stand sie plötzlich vor einem Problem. Ihr Mann ist als Berater immer viel unterwegs, ihre Mutter wohnt weit weg am Bodensee. Nach vielen Recherchen, fand Angela keine passende Betreuungslösung für solche Notfälle. Also löste sie das Problem einfach selbst und gründete im Juni 2012 „Die Notfallmamas“, die es mittlerweile in Hamburg und Berlin gibt.

Das ist ja sicherlich ein Problem, was viele Eltern kennen. Läuft es denn gut?

 

Die Anlaufzeit ist doch sehr lang. Man sagt ja oft über Startups, dass es mindestens drei Jahre dauert, bis es läuft. Egal wie optimistisch und enthusiastisch man an eine Sache herangeht, dauert es einfach. Ich habe ja damals im Sommer gestartet. Das war einerseits schwierig, weil dann Ferien sind und die Kinder auch nicht so oft krank sind. Andererseits hatte ich dadurch die Möglichkeit, alles langsam aufzubauen und das Team noch zu vergrößern. Wir haben dann angefangen mit Kitas und Kinderärzten zu sprechen und dort Flyer auszulegen. Dort waren alle immer total begeistert. Vor allem Kitas kennen das Problem, da Kinder oft auch krank gebracht werden, wenn die Eltern sich nicht anders zu helfen wissen.

Ab November, Dezember 2012 ging es los. 2013 habe ich dann genutzt, um „Die Notfallmamas“ bekannt zu machen. Inzwischen haben sich die Einsätze vervierfacht. Aber es muss natürlich noch viel mehr werden, damit auch mein Traum und meine Vision in Erfüllung gehen. Ich möchte gerne feste Stellen schaffen können. Das ist tatsächlich meine Vision. Es sind oft Frauen über 50, die die Betreuungen machen. Sie haben nicht mehr so gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder wollen und können nicht mehr so viel arbeiten. Manchmal sind es auch Rentnerinnen, die ihre Rente aufstocken wollen. Dafür biete ich das ja auch an. Damit junge Mütter jetzt arbeiten können und ihre Stellen behalten können, indem sie eine Notfallbetreuung haben. Oder Väter. Es sind natürlich immer die Eltern.

Siehst Du Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt und wenn ja, welche? Du kennst ja durch deine Arbeit verschiedene Perspektiven.

 

Also, es gibt ja eine Regelung für gesetzlich Versicherte, was auch gut ist. Die Notfallmamas werden ja auch nicht gerufen, wenn ein Kind ganz arg krank ist. Wir kommen, wenn sich etwas anbahnt oder abklingt. Aber es gibt natürlich auch andere Stellen und Berufe, wo das nicht einfach ist, bei denen man nicht so leicht Termine absagen kann. Seien es Ärzte, Rechtsanwälte, Selbstständige oder Leute, die Projektarbeit machen. Dann ist eine Absage oft mit einem großen finanziellen Aufwand verbunden oder einfach überhaupt nicht möglich. Und auch in Festanstellungen können Arbeitgeber nicht immer abdecken, dass Angestellte immer zu Hause bleiben. Mein Ansatz geht in die Richtung, dass Arbeitgeber mehr übernehmen und sich beteiligen sollten, denn es ist ja auch zu ihrem Vorteil. Ich finde, Arbeitgeber müssen noch ganz viel tun, zum Beispiel flexible Arbeitszeiten anbieten, viel mehr Homeoffice und flexible Urlaubsgestaltung. Die andere Seite ist, dass die Kinder nicht immer nur den Müttern zugeordnet werden. Es gibt ja auch Väter, die ein Betreuungsproblem haben. Das muss von Arbeitgebern auch endlich berücksichtigt werden.

Ich hatte letzte Woche ein ganz tolles Telefonat. Da hat mich eine Mutter aus Berlin angerufen, deren Elternzeit bald vorbei ist und die eine Jobzusage für einen neuen Job hat, den sie aber nur zusagen kann, wenn sie eine Notfallbetreuung hat, da sie keine Familie in Berlin hat. Sie wollte also wissen, ob wir im März schon in Berlin sind. Das konnte ich ihr garantieren und habe mich total gefreut, denn genau dafür habe ich „Die Notfallmamas“ gegründet.

 

Wie sind denn deine Erfahrungen als Selbstständige mit Kind?

 

Also, wir fahren so das klassische Modell. Mein Mann ist fest angestellt und so haben wir die finanzielle Absicherung durch ihn und ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass ich es ohne ihn wahrscheinlich nicht gemacht hätte.

Momentan verdiene ich noch nichts und stecke einfach unheimlich viel Geld in „Die Notfallmamas“ und durch meinen Mann haben wir die Sicherheit, die Miete zahlen zu können. Für mich selbst ist es fantastisch, selbstständig zu arbeiten. Ich kann Sara heute z.B. einfach mitnehmen, weil ich sowieso mit Kindern zu tun habe und ich es mir erlaube meiner Tochter zu zeigen, wie ich arbeite. Und ich kann durch die Selbstständigkeit diese ganzen Betreuungsengpässe auffangen.

Im Dezember letztes Jahr hatte ich aber auch mal das Problem, dass ich Termine hatte und Sara krank war und dann brauchte ich auch eine Notfallmama. Und es war wirklich super. Ich musste nicht auf die Uhr gucken und konnte in Ruhe meinen Termin wahrnehmen. Mein Kind wollte dann nach zwei Tagen gar nicht mehr in die Kita, sondern lieber von der Notfallmama betreut werden. (lacht)

Ich finde es auf jeden Fall selbstständig sehr viel einfacher. Man hat sowieso schon so viel Druck, man muss sein Kind rechtzeitig in die Kita bringen und zu bestimmten Uhrzeiten wieder abholen. Und das wird ja noch verstärkt durch Anwesenheitspflichten und -zeiten im Büro. Diesen Druck kann ich schon mal rausnehmen, weil ich einfach flexibler bin und es mir selber einteilen kann. Aber ich kann schon verstehen, wenn jemand Angst hat oder sich Sorgen um die Absicherung macht. Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung und solche Sachen sind ja als Selbstständige viel komplizierter.

 

Sicherheit und Angst sind ja oft wichtige Themen in Bezug auf Selbstständigkeit. Was hätte denn anders sein müssen, damit Du dich sicherer gefühlt hättest und vielleicht auch ohne die Absicherung durch deinen Mann gegründet hättest?

 

Das ist total interessant. So rum habe ich da noch gar nicht drüber nachgedacht. Was hat mir am meisten Angst gemacht? Ich glaube, eine große Angst ist, dass man scheitert und dann kein Netz mehr hat, also kein Arbeitslosengeld zum Beispiel. Oder auch die Problematik, wenn man krank ist. Man arbeitet dann doch eher mal, weil man nicht krank sein will oder es sich nicht leisten kann. Eine Krankenversicherung mit sofortigem Krankengeld hat ja so hohe Beiträge, dass man sich das nicht leisten kann. Zumindest am Anfang nicht, als Existenzgründerin. Die Rente sorgt mich jetzt noch nicht so. (lacht) Da hoffe ich, dass ich mir immer noch privat genug aufbauen kann. Arbeitslosen- und Krankenversicherung sind die großen Themen, glaube ich. Wenn man dann mal eine Weile selbstständig ist und seinen Kundenstamm und seine Erfahrungen hat, ist das wahrscheinlich nicht mehr so kompliziert, aber am Anfang ist es ein Sprung ins kalte Wasser. Wenn man dann kein gutes soziales Netz hat, ist es sehr schwierig.

 

Was ist denn deine Definition von Arbeit? Und hat sie sich durch die Geburt von Sara verändert?

 

Ja. (lacht) Ja, sie hat sich verändert. Eine richtige Definition von Arbeit habe ich eigentlich nicht. Früher im Angestelltenverhältnis war Arbeit für mich tatsächlich immer mit „müssen“ verbunden. So: „Ich muss dahin gehen, um Geld zu verdienen und wenn ich Glück habe, macht es auch noch ein bisschen Spaß.“ Für mich war es auch schwierig, dass ich nicht frei über meine Arbeitsinhalte verfügen konnte.

Jetzt ist Arbeit für mich einfach etwas, was mir unheimlich viel Freude bereitet und ich habe das Gefühl, dass ich dadurch allen helfen kann.

Ich helfe den Kindern, die nicht krank in die Kita müssen, sondern von einer tollen Mitarbeiterin betreut werden. Ich helfe den Eltern, weil sie kein schlechtes Gewissen mehr haben müssen und ich helfe den Betreuerinnen, weil sie dadurch einen Job haben, der unheimlich viel Freude macht und auch noch flexibel ist. Und Arbeitgebern erleichtere ich den Alltag ebenfalls. Gerade kann ich alles vereinen, was ich gerne mache. Ich kann organisieren, PR und Marketing machen und ich spreche jeden Tag mit ganz vielen tollen Leuten, die ich kennenlerne. Es macht einfach unheimlich viel Spaß und für mich ist das ein Traumjob. Ich wollte auch schon lange selbstständig sein, weil ich immer dachte, dass ich einfach zu viele Ideen habe, um sie einfach nur in einem Angestelltenverhältnis einbringen zu können. Das hat sich schon gewandelt.

Ich habe jetzt etwas, was ich total gerne mache und ich sage nicht mehr, dass ich das machen muss, sondern: Ich will das machen.

 

Man macht sich ja auch noch mal anders Gedanken über Arbeit, wenn man für jemanden verantwortlich ist. Das kann jetzt einerseits ein Kind sein und was man seinem Kind vorleben und für später mit auf den Weg geben möchte. Und zum anderen muss man sich ja auch überlegen, was man Angestellten bieten will und kann. Wie sind denn deine Erfahrungen damit?

 

Also Sara ist jetzt einfach noch zu klein. Da kann ich noch gar nicht sagen, was ich ihr mit auf den Weg geben möchte. Was ich ihr aber schon vorleben möchte, ist, dass Mama arbeitet und dass Mama gerne arbeitet. Sara soll sehen, dass es für mich ganz selbstverständlich ist, auch zu arbeiten. Es gibt keinen Unterschied zwischen der Arbeit von Mama und der von Papa, das ist mir ganz wichtig. Ansonsten wünsche ich mir natürlich für sie, dass sie etwas arbeiten kann, was ihr Freude macht. (lacht)


Über die andere Seite mache ich mir tatsächlich gerade Gedanken. Es ist noch gar nicht so lange her, dass mir der Gedanke „huch, jetzt bin ich Chefin“ ganz bewusst geworden ist. Die letzten 1 ½ Jahre habe ich einfach nur gemacht und jetzt habe ich eben Leute, die mich als Chefin bezeichnen. Ich spreche auch gerade mit zwei Frauen, die ich gerne als Unterstützung hätte und wir sind zum Glück alle der Meinung, dass „Die Notfallmamas“ auch den Mitarbeiterinnen Freude bereiten soll. Ich sage das auch zum Teil in Vorstellungsgesprächen.

Ich habe jetzt das große Glück, den Arbeitsplatz so gestalten zu können, wie ich das für richtig halte und ich kann viele Fehler vermeiden, die ich früher bei meinen Arbeitgebern gesehen habe.

Natürlich erwarte ich auch von Mitarbeitern einige Dinge, wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Freundlichkeit. Ansonsten bin ich aber recht flexibel. Wenn jetzt jemand sagt, er möchte sechs Wochen Urlaub machen, dann kann man das machen, wenn das irgendwie klappt. Kein Problem. Warum sollte ich so etwas auch nicht gewähren? Ich brauche selber Flexibilität und die möchte ich auch gewähren.
Was mir früher auch manchmal gefehlt hat, war generell ein freundlicher Umgang miteinander. Ich gehe immer freundlich mit meinen Mitarbeiterinnen und auch mit den Bewerberinnen um. Es soll niemand das Gefühl haben, als Bittstellerin auftreten zu müssen. Deswegen versuche ich relativ normal und natürlich damit umzugehen und das bekomme ich auch zurück. Das merke ich an unseren Teammeetings, wo ich immer wieder sehe, wie toll die Frauen sind. Und andersrum sagen die Frauen auch, dass es toll ist für mich zu arbeiten, weil es einfach ein schönes Arbeitsverhältnis ist. Das ist mir sehr, sehr wichtig.

 

Vielen Dank für das Gespräch und ganz viel Erfolg mit den Notfallmamas.